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Merken   Drucken   25.07.2011, 06:00 Schriftgröße: AAA

Kopf des Tages: Jens Stoltenberg - Vom Strahlemann zum Landesvater

Bislang galt Norwegens Premierminister als Schönwetterkapitän. In der Trauer um die Attentate findet der Sozialdemokrat die richtigen Worte. von Clemens Bomsdorf, Stockholm und Kai Schöneberg  Hamburg
Früher war es nur ein Katzensprung ins Paradies. 90 Minuten fährt der Bus der Linie 171 vom Osloer Zentrum zum Anleger, von dem die Fähre zur Insel Utöya schippert. Jens Stoltenberg hat den Weg zu den Ferienlagern seiner sozialdemokratischen Arbeiterparteijugend oft zurückgelegt, seit 1974 war er jeden Sommer dort. Auch am Samstag um 11 Uhr hätte der 52-Jährige hier auftreten sollen: Ursprünglich war ein Plausch mit den norwegischen Jusos nach einem Fußballturnier geplant.
Doch nach dem Massaker von Utöya wird das Eiland wohl für lange Zeit nicht mehr mit Zelten und Strandglück verbunden sein, sondern mit der Tragödie eines gesamten Landes. Mindestens 86 Tote hat ein Amokläufer auf der Ferieninsel hinterlassen. Stoltenberg erzählt in diesen Tagen mit den Tränen kämpfend, wie sehr ihn die Ereignisse getroffen haben. Als er am Sonntag bei der Trauerfeier in der Kirche von zwei der Getöteten, die er persönlich kannte, berichtet, schluchzt er fast unhörbar.
Norwegens Premier Jens Stoltenberg versucht, ein von Trauer und ...   Norwegens Premier Jens Stoltenberg versucht, ein von Trauer und Ohnmacht gelähmtes Land zu einen
Sein beunruhigtes Fünf-Millionen-Volk sehnt sich nach Antworten, die in der Trauer einen. Eine Mammutaufgabe. Der Ökonom ist selbst von der Tragödie erschüttert. Doch Stoltenberg findet die richtigen Worte. Das macht ihn wie nie zuvor zum Landesvater.
Bislang gilt Stoltenbergs Mitte-Links-Regierung zwar als stabil, aber glanzlos. Viele störte das Strahlemann-Image des Premiers. Erst im Juni war seine Partei in einer Umfrage von den Konservativen überholt worden. Nun wird mit einem Solidaritätsbonus gerechnet, weil er die Krise politisch und menschlich so gut handhabt.
2009 war ihm als erstem norwegischen Regierungschef seit 1993 die Wiederwahl gelungen. Mit 35,4 Prozent erzielte Stoltenbergs Sozialdemokratie ein Traumergebnis. "Jens, vi kaen!", skandierten die Fans, mit Anleihen bei US-Präsident Barack Obama . "Jens", wie ihn in Norwegen jeder nennt, trat mit dem Sieg endgültig aus dem Schatten seines in Norwegen populären Vaters Thorvald Stoltenberg, eines gelernten Diplomaten, der Außenminister und UN-Flüchtlingskommissar war.
Oslo und Utöya Anschläge in Norwegen
Auch Stoltenbergs Mutter Karin war Staatssekretärin, die Politikerkarriere ihres Sohnes mit mehreren Ministerposten bis zum Sprung an die Spitze überraschte niemanden in Norwegen. Der Ministerpräsident und seine Familie sind sogar entfernt mit Gerhard Stoltenberg verwandt, dem verstorbenen früheren Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein und späteren Minister der Regierung Kohl.
Auch ohne die Bluttat steht Stoltenberg vor großen Aufgaben. Zwar brummt die norwegische Wirtschaft, doch der Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Über einen Ölfonds hat das rohstoffreiche Land mittlerweile über 400 Mrd. Euro angelegt. Sozialdemokraten, Konservative sowie die kleineren linken und liberalen Parteien sind sich einig, dass das Vermögen möglichst unangetastet bleiben muss. Doch die rechtspopulistische Fortschrittspartei (FrP), in der auch der Attentäter vom Freitag einige Jahre aktiv war, möchte den Fonds antasten. Infrastrukturprojekte und Hilfe für die Alten stehen auf der Wunschliste der FrP. Sie gewinnt damit Anhänger.
"Unsere Antwort ist mehr Demokratie, aber nicht mehr Naivität", hatte Stoltenberg als Reaktion auf die Terroraktion angekündigt. Der Attentäter vom Freitag war Feind der offenen Gesellschaft, wie Stoltenberg und seine Arbeiterpartei sie repräsentieren. In den kommenden Monaten wird der Premier beweisen müssen, was er unter mehr Offenheit versteht. Die Kommunalwahlen im Herbst werden ein erster Indikator sein, wie sehr die Bevölkerung Stoltenberg vertraut. 2012 sollen Parlamentswahl stattfinden. Vielleicht kann er danach weitere Sommer als Ministerpräsident nach Utöya kommen. Denn: Am politischen Sommerlager dort soll festgehalten werden.
  • Aus der FTD vom 25.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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