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Merken   Drucken   19.05.2011, 13:08 Schriftgröße: AAA

Kritik an "faulen Europäern": Merkels Griechen-Bashing im Faktencheck

Glaubt man der Kanzlerin, liegen die Schuldensünder in Griechenland und Portugal in der Hängematte, während die Deutschen emsig arbeiten. Aber stimmt das? FTD.de hat Merkels Aussagen zu Rente und Urlaub auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft.
© Bild: 2011 dapd
Glaubt man der Kanzlerin, liegen die Schuldensünder in Griechenland und Portugal in der Hängematte, während die Deutschen emsig arbeiten. Aber stimmt das? FTD.de hat Merkels Aussagen zu Rente und Urlaub auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft. von Kai Beller  Berlin
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat mit ihrer Forderungen nach einer Angleichung der Lebensarbeitszeiten in Europa eine scharfe Kontroverse ausgelöst. "Es geht auch darum, dass man in Ländern wie Griechenland, Spanien, Portugal nicht früher in Rente gehen kann als in Deutschland, sondern dass alle sich auch ein wenig gleich anstrengen - das ist wichtig", sagte die Regierungschefin auf einer CDU-Veranstaltung. Auch die Urlaubsregelungen will sie harmonisieren.
Billigen Populismus warf SPD-Chef Sigmar Gabriel der Kanzlerin vor. Noch schärfere Töne kamen aus Portugal. "Das ist Kolonialismus pur", kritisierte der Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes CGTP, Manuel Carvalho da Silva. Er vermisst "jegliche Solidarität" mit seinem schuldengeplagten Land. Laut Gabriel schürt die Kanzlerin "antieuropäische Ressentiments, statt endlich Verantwortung für Europa als Ganzes zu übernehmen."
Aber hat Merkel mit ihren Behauptungen überhaupt recht? FTD.de unterzieht ihre Aussagen einem Faktencheck:
Zwei Rentner in Athen   Zwei Rentner in Athen
Bei Rentenbeginn wird zwischen dem gesetzlichen und dem tatsächlichen Eintrittsalter unterschieden. In Deutschland sollen Arbeitnehmer künftig arbeiten, bis sie 67 Jahre alt sind. Momentan liegt die gesetzliche Grenze noch bei 65 Jahren. Allerdings arbeiten die wenigsten, bis sie dieses Alter erreicht haben. Im Durchschnitt verabschieden sich die Deutschen mit 62,2 Jahren in den Ruhestand. Dieser Wert wurde 2009 vom Statistischen Amt der EU ermittelt.
Die Griechen sind von dem deutschen Wert nicht weit entfernt: 61,5 Jahre betrug 2009 das durchschnittliche Rentenmindestalter. Der gesetzliche Rentenbeginn wurde auf 65 Jahre angehoben. Die Portugiesen arbeiten sogar länger als die Bundesbürger. Das tatsächliche Renteneintrittsalter lag bei 62,6 Jahren. Im Zuge ihres Sparprogramms plant auch die Regierung in Lissabon die Rente mit 67.
Merkels Äußerung trifft eher auf die Franzosen zu. Dort liegt das tatsächliche Eintrittsalter bei 60 Jahren. Aber auch Paris hat eine Rentenreform gegen erheblichen Widerstand beschlossen. Ähnlich sieht es in Spanien aus, wo die Arbeitnehmer künftig ebenfalls bis 67 arbeiten sollen. Noch radikaler gehen die Dänen vor, das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung koppeln wollen. Das läuft auf die Rente mit 71 hinaus. Deutschland ist also mitnichten Vorreiter.
In Portugal richten sich die Proteste auch gegen die Kanzlerin   In Portugal richten sich die Proteste auch gegen die Kanzlerin
"Wir können nicht eine Währung haben, und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig", sagte die Kanzlerin. Sie wollte damit deutlich machen, dass die Deutschen viel arbeiten, während die Bürger anderer EU-Länder Urlaub machen. Gesetzlich stehen den Bundesbürgern 20 Urlaubstage pro Jahr zu, bezogen auf eine Fünf-Tage-Woche. In Tarifverträgen sind jedoch mehr bezahlte Urlaubstage vereinbart - häufig bis zu 30 Tage.
In Griechenland beträgt der gesetzliche Urlaubsanspruch 25 Tage für Arbeitnehmer, die mindestens zehn Jahre gearbeitet haben. Für alle anderen liegt er wie in Deutschland laut einer Aufstellung der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen bei 20 Tagen. Die Portugiesen gewähren ihren Arbeitnehmern 22 Tage pro Jahr. Den höchsten Urlaubsanspruch haben Österreicher, Dänen, Franzosen, Luxemburger und Schweden mit jeweils 25 Tagen.
  • FTD.de, 19.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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