Um den Entwurf für eine neue Afghanistanpolitik der EU richtig einschätzen zu können, hilft ein kleines Gedankenexperiment. Hätte jemand das Strategiepapier von Kommission und Ratspräsidentschaft zu Beginn des Einsatzes 2001 in die Finger bekommen und erfahren, dass es den Stand des fernen Jahres 2009 wiedergibt, so hätte sich ihm sofort diese Frage aufgedrängt: Gibt es in Afghanistan eigentlich überhaupt Fortschritte?
Tatsächlich sind die Probleme, die in dem Papier benannt werden, weitgehend die gleichen wie in der ersten Phase des Militäreinsatzes. Das betrifft sowohl den schleppenden Aufbau ziviler Strukturen - etwa eines funktionsfähigen Justizsystems oder bei der Polizeiausbildung - als auch die mangelnde strategische Koordination innerhalb der EU. Auch sind die offenkundigen Versäumnisse des Westens bereits seit Langem bekannt. Der Verdienst des Strategiepapiers ist es aber immerhin, dass es diese Mängel nicht länger leugnet und Fehler offen eingesteht.
Für eine Wende ist die Abkehr von der Realitätsverweigerung aber nur ein erster Schritt. Ob die EU und der gesamte Westen den Einsatz doch noch in einen Erfolg verwandeln, hängt davon ab, welche politischen Entscheidungen sie aus der Analyse der eigenen Schwächen ableiten.
Die nötigen Konsequenzen sind ebenfalls längst bekannt. Kaum ein Experte bezweifelt, dass sich Europa deutlich stärker engagieren muss - und zwar politisch, militärisch und finanziell. Politisch geht es vor allem darum, die bislang viel zu zersplitterte Afghanistanpolitik des Westens besser zu koordinieren. Militärisch fehlt es noch an der Bereitschaft, wie die USA mehr Truppen bereitzustellen, um Aufständische wirkungsvoller zu bekämpfen und eroberte Gebiete zu sichern. Und mehr Geld und westliche Experten benötigt das Land, um eine funktionierende Polizei, ein ordentliches Rechtssystem und einen lebensfähigen Agrarsektor aufzubauen. Nur wenn die EU überall mehr tut, kann es in Afghanistan Fortschritte geben.