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Merken   Drucken   04.01.2004, 12:00 Schriftgröße: AAA

Michail Saakaschwili: Kreuzritter mit Machtinstinkt

Seine Taktik ging auf. Sechs Wochen nach dem Sturz Eduard Schewardnadses wählten die Georgier den 36jährigen Michail Saakaschwili zum neuen Präsidenten. Um die Probleme des zerrissenen Landes zu lösen, ist diplomatisches Geschick gefragt - eine Qualität, für die er noch nicht bekannt ist. von Hannes Külz
Michail Saakaschwili, neuer georgischer Präsident   Michail Saakaschwili, neuer georgischer Präsident
Auch wenn er seinen Kampfanzug der Revolution, den olivgrünen Parka, gegen Anzug und Krawatte getauscht hat: Er will der Präsident der kleinen Leute bleiben. Wie sein achtjähriger Sohn sollen sie nicht "in einer Bananenrepublik" leben.
Die Ziele sind so ehrgeizig wie der neue georgische Präsident selbst. Innen- und außenpolitisch ziehen so viele Kräfte an ihm, dass es schwierig wird, die Balance zu halten. Anders als Mitte November, als er mit den Kreuzfahrer-Fahnen seiner "Nationalen Bewegung" und markigen Brandreden die Massen auf der Straße mitriss und seinen Ziehvater Schewardnadse stürzte, ist jetzt diplomatisches Fingerspitzengefühl gefragt. Eine Disziplin, in der er sich erst noch beweisen muss.
Im Machtkampf gegen Schewardnadse polterte er etwa, dieser habe den Separatismus nicht energisch genug bekämpft. Zur Not müsse eben zu den Waffen gegriffen werden, um die Abtrünnigen in Abchasien und Südossetien und Adscharien zur Räson zu bringen. Dass er damit Erfolg haben könnte, scheint jedoch kaum wahrscheinlich. Nicht nur, weil die Separatisten die Wahl nach Kräften boykottierten und Saakaschwilis Legitimität kaum anerkennen dürften. Sondern auch, weil sie von Moskau unterstützt werden. Einen offenen Konflikt mit Russland wird sich Sakaschwili nicht leisten wollen. Sensibel ist das Verhältnis ohnehin, weil der westlich orientierte Saakaschwili Georgien für Natotruppen öffnen und mit der Pipeline amerikanischer Investoren Geld verdienen will.
Georgien in Schwierigkeiten
Ganz nebenbei gilt es, ein geschundenes Land wieder auzurichten. Georgien steckt in Zahlungsschwierigkeiten, mehr als jeder zweite Bürger verdient weniger als 50 $ im Monat. Im Wahlkampf hat er die Korruption gegeißelt, aber kein Wirtschaftsprogramm für einen Ausweg aus der Krise vorgelegt. "Das wichtigste ist, den Schwung der Veränderungen aufrecht zu erhalten", sagt er lediglich.
Seine Gegner werfen ihm Machthunger vor, politischen Instinkt spricht ihm keiner ab. 1995, als er sein Jurastudium an der Columbia-University in New York abschloss und seinem Erfolg als Anwalt nichts mehr im Weg stand, spürte er, dass in der Heimat mehr zu holen war. Schewardnadse machte ihn binnen drei Jahren zum Fraktionschef seiner Bürgerunion, dann zum Justizminister. Ein Gesetz, mit dem Saakaschwili gegen korrupte Beamte vorgehen wollte, scheiterte an Schewardnadses Veto. Auch hier gehorchte Sakaschwili seinem Instinkt: Er überwarf sich mit dem Präsidenten und trat zurück - und sicherte sich so das Vertrauen der Bevölkerung.
  • FTD, 04.01.2004
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