Absprache per Handy: Mit Kurznachrichten warnen sich Randalierer vor der Polizei und koordinieren ihre nächsten Aktionen
Wenn es dunkel wird in Frankreich, werden sie aktiv. Kleine Gruppen von Teenagern treffen sich vor den tristen Häuserblocks der Vorstädte. Sie ziehen sich ihre Kapuzen über den Kopf und gehen los. Ein Kuhfuß kracht in die Windschutzscheibe eines Autos, der Brandsatz fliegt hinterher. Feuerzauber gegen den Alltagsfrust.
Wenn Polizei und Feuerwehr eintreffen, sind die Täter über alle Berge und schlagen schon wieder woanders zu. Für die Sicherheitskräfte ist es äußerst schwierig, die Verantwortlichen dingfest zu machen. Denn anders als in früheren Jahren machen sich die Randalierer moderne Kommunikationstechnik zunutze. "Seit etwa fünf Jahren hat praktisch jeder ein Handy und Zugang zum Internet", sagt Catherine Samet, Kriminologin an der Universität Paris II - Panthéon. Die Polizei stellt dies vor große und vor allem andere Probleme als früher.
Ein Beispiel ist das Internet. Mit Hilfe von so genannten Blogs, Onlinetagebüchern, kann im Internet jeder Anwender ein eigenes Gesprächsforum aufbauen. Oft werden in Blogs belanglose Geschichten erzählt oder schöne Urlaubsbilder gezeigt - in Frankreich wird dort derzeit zur Gewalt aufgerufen.
Koordinierte Planung
Auf der französischen Website Skyblog gibt es gleich mehrere Seiten, in denen sich junge Leute aus den sozial sensiblen Banlieues austauschen. Teilweise mit zweifelhaften Kommentaren. "Richtig, dass die Jungens den Bullen Druck machen", heißt es in einem Forum, das den Namen Bouna93 trägt und an einen der beiden Jungen erinnert, deren Tod die Unruhen ausgelöst hatte. Die Betreiber passen auf, ein Forum wurde bereits geschlossen, weil die Äußerungen zu weit gingen. Schlimmer als Aufrufe zur Gewalt sind jedoch koordinierte Planungen von Gewalttaten.
"Blogs wirken dabei als Verbindung zwischen Gruppen, die nicht am selben Ort wohnen", sagt Catherine Samet. Hintermänner seien beispielsweise Drogenringe oder Hehler, die ein Interesse daran hätten, dass die Gewalt weitergeht, und die deshalb versuchen, die Aktionen der Jugendlichen zu koordinieren.
In den Vorstädten ist in den vergangenen Jahren eine Schattenwirtschaft entstanden. Um ihre Geschäfte in Ruhe weiter betreiben zu können, haben manche ein großes Interesse daran, dass ihr Gebiet zu einem rechtsfreien Raum wird, in den sich Polizisten nicht mehr trauen.
Für die Sicherheitskräfte ist es schwierig, die Blogs im Internet zu überwachen. Denn ständig werden neue Seiten durch Nutzer geschaffen. Am Dienstag wurden allein auf Skyblog bis zum Mittag 1470 neue Blogs kreiert. Die gesamte Website umfasst derzeit rund 215 Millionen Kommentare von Internetnutzern.
Wettbewerb zwischen den Städten
Laut Polizei haben einzelne Pariser Stadtviertel ihre eigenen Blogs eingerichtet, von denen sie Aufrufe starten. Die Jugendlichen stacheln sich regelrecht gegenseitig auf. "Es gibt ein Phänomen des Wettbewerbs zwischen den einzelnen Vorstädten", sagt Michel Gaudin von der Nationalen Polizei. Obwohl der Kampf gegen die Scharfmacher schwierig ist, meldet die Polizei auch Erfolge. Am Montag nahmen Beamten einen 14- und einen 18-Jährigen fest, die auf einer Blog-Website unabhängig voneinander zur Gewalt gegen Polizeieinrichtungen aufgerufen hatten.
Für die Masse der Gewalttäter bleibt das Internet jedoch die Ausnahme. Kriminologin Samet weist darauf hin, dass ein Handy das wichtigste elektronische Kommunikationsmittel unter den Jugendlichen bleibe. Bevorzugte Art des Austauschs ist dabei die Versendung von Kurznachrichten.
Polizisten fordern mehr Möglichkeiten, um gegen die elektronisch organisierten Banden vorzugehen. Innenminister Nicolas Sarkozy erleichterte mit neuen Sicherheitsgesetzen die Möglichkeiten des Abhörens und der Datenerfassung im Internet. Doch die Mittel bleiben beschränkt. "In einem Rechtsstaat gibt es natürliche Grenzen", sagt Samet.
Die französische Polizei setzt ebenfalls auf moderne Technik, um der jugendlichen Randalierer Herr zu werden. So kreisen im Großraum Paris seit einigen Nächten Hubschrauber am Himmel. Diese sind mit Scheinwerfern und Suchgeräten ausgerüstet und sollen so kleine Gruppen von Jugendlichen auf frischer Tat aufspüren. Über Funk verständigt die Hubschrauberbesatzung dann Kollegen am Boden, die Greiftrupps losschicken, um die Gewalttäter gleich festzunehmen.
An eine elektronische Revolution im Kampf zwischen Polizei und Jugendbanden glaubt Kriminologin Samet aber nicht. "Mundpropaganda ist noch heute das wichtigste Verständigungsmittel."