Unterschiedliche SozialpolitikEchte Welten trennen die beiden Volksparteien indes in der Sozialpolitik. Nach einem Sieg will die CSSD "das Konzept des Sozialstaates verteidigen", wie Spidla den Einwohnern der mittelalterlichen Stadt Kutna Hora verspricht. Dazu gehörten kostenlose Bildung und medizinische Versorgung sowie ein Recht auf Arbeit. Vaclav Klaus dagegen glaube, "der Mensch hat nur die Rechte, die er sich leisten kann".
Um Volksnähe zu demonstrieren, fährt der eher farblose und hölzerne Spidla inzwischen sogar vor laufenden Kameras mit der Prager U-Bahn, wo er sich mit den überraschten Passagieren unterhält. Sein Pech ist nur, dass sich mancher einfach wegdreht, um nicht zusammen mit dem Sozialdemokraten im TV gezeigt zu werden.
Trotz solch kleiner Pannen hat Spidla im Wahlkampf an Profil gewonnen. Vor allem konnte er seine Leistungsfähigkeit und sein Organisationstalent unter Beweis stellen. Oft nippte er schon morgens um sechs Uhr im Parteibüro an seinem Kaffee. Und obwohl er ein ungeheures Arbeitspensum absolvierte, fand er fast jeden Tag Zeit zu joggen. In Fernsehdebatten überraschte Spidla selbst den mundfertigen Klaus mit Schärfe und Klarheit seiner Argumente. Sein wohl größter Vorteil sind die ökonomischen Erfolge seiner Regierung.
Als Rivale Klaus nach einem Parteifinanzierungsskandal 1997 zurücktrat, steckte die Wirtschaft in einer tiefen Rezession. Die Banken gehörten noch weitgehend dem Staat, die Sozialsysteme waren dringend reformbedürftig.
Heute wächst die Wirtschaft wieder - im vergangenen Jahr um 3,6 Prozent. Die Inflation ist niedrig, die Privatisierung weitgehend abgeschlossen. "Die Sozialdemokraten haben viele mutige Entscheidungen getroffen, die mit großen Härten für ihre Stammwähler verbunden waren", sagt ein EU-Diplomat in Prag.
Die Einschnitte haben sich gelohnt: Das Interesse ausländischer Investoren am Standort Tschechien ist rege. Bei den Direktinvestitionen pro Kopf der Bevölkerung führt Tschechien die Liste der Transformationsländer mit großem Abstand an. So baut etwa der japanische Autohersteller Toyota in Kolin für eine Mrd. $ eine Fabrik, die auch den westlichen Markt beliefern soll. Die Elektroriesen Philips und LG Electronics investierten 200 Mio. $ in ein TV-Werk.