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Merken   Drucken   06.10.2008, 11:58 Schriftgröße: AAA

Opfer der Krise: Island setzt auf Schafherden  

Island könnte als erster Staat Opfer der Finanzkrise werden. Doch Präsident Olafur Grimsson bleibt gelassen. Er hofft auf Fischfang und Viehzucht. von Arne Delfs (Reykjavik)
Für einen Präsidenten hat Olafur Grimsson ein beschauliches Leben. Zur Residenz des isländischen Staatsoberhaupts, idyllisch auf einer Landzunge in der Bucht von Reykjavik gelegen, gelangt man ohne Sicherheitskontrollen. "Wir sind noch immer eine offene Gesellschaft, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert", sagt Grimsson. Bauern und Fischer kommen aus dem ganzen Land zu ihm, um sich Rat zu holen - und in letzter Zeit immer öfter auch Menschen, die sich Sorgen um ihre Sparbücher und Aktiendepots machen. Denn der kleine Inselstaat, der schon so manches Erdbeben unbeschadet überstanden hat, wird von der globalen Finanzkrise in seinen Grundfesten erschüttert.
Ganzer Staat Opfer der Finanzkrise
Jahrhundertelang lebten die Menschen auf der Vulkaninsel im Nordatlantik fast ausschließlich vom Fischfang und der Schafzucht. Bis vor wenigen Jahren junge isländische Banker auf die Idee kamen, massiv auf den internationalen Finanzmärkten zu investieren. Die größten Geldinstitute der Insel - Glitnir, Landsbanki und Kaupthing - stiegen innerhalb kurzer Zeit zu Global Playern auf. Den 310.000 Inselbewohnern verschaffte der Boom ungeahnten Wohlstand. Die Nachfahren der Wikinger wurden belohnt mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen weltweit und einem vorbildlichen Gesundheitssystem. Umso härter trifft den Inselstaat nun der Zusammenbruch der internationalen Finanzmärkte. Erstmals könnte ein ganzer Staat Opfer der Finanzkrise werden.
Anfang der vergangenen Woche musste die isländische Regierung Glitnir mit einer Finanzspritze von 600 Mio. Euro vor dem Zusammenbruch bewahren und übernahm damit die 75-prozentige Mehrheit an der Bank. Diese spektakuläre Aktion löste auf der Insel Panik aus. Denn viele fürchten nun, dass der Staat nicht über genug finanzielle Mittel verfügen könnte, um weitere marode Banken zu retten. Allein die Verbindlichkeiten von Glitnir, Landsbanki und Kaupthing sind rund neunmal so hoch wie das isländische Bruttosozialprodukt. Hinzu kommt, dass das kleine Land bis auf Fisch und Schafwolle praktisch alles importieren muss. Die isländische Krone hat gegenüber dem Euro im vergangenen Jahr rund 70 Prozent ihres Werts verloren. Nach der staatlichen Rettungsaktion für Glitnir hat die Landeswährung in der vergangenen Woche noch einmal acht Prozent ihres Werts eingebüßt.
Was die Isländer fürchten
Darüber freuen sich zwar die Touristen, die in dem bislang als teuersten Reiseziel der Welt verschrienen Land schon mal umgerechnet schlappe 10 Euro für ein Bier auf den Tresen legen mussten. Für die Isländer selbst ist die Entwicklung fatal: Viele fürchten um ihr Erspartes, die Inflation ist auf Rekordniveau. Mittlerweile werden wegen des Währungsverfalls sogar Engpässe bei der Benzinversorgung befürchtet. Ein Sprecher der größten Supermarktkette Bonus warnte die Kunden schon vor leeren Regalen.
In diesen unruhigen Zeiten wirkt der Präsident wie ein Fels in der Brandung. Es handele sich um ein "großes Erdbeben im Finanzsystem", sagt Grimsson. Aber die Wirtschaft des Landes ruhe auf einer "soliden Basis", beruhigt er seine Untertanen. Island verfüge mit seinen Vulkanen und Geysiren über unerschöpfliche und saubere Energievorräte, zudem gebe es noch große Fischschwärme im Meer. Zum Zustand der Banken sagt er wohlweislich nichts. Ende Oktober kommt der Präsident zum Staatsbesuch nach Deutschland. Vielleicht hat er noch ein paar Tipps für die Kanzlerin im Gepäck. Schließlich könnten vor dem Kanzleramt doch ein paar Schafe grasen.
  • Aus der FTD vom 06.10.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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