Ulrich van Suntum ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Münster und leitet dort das Centrum für angewandte Wirtschaftsforschung.
Es gibt aber noch eine Alternative, nämlich die Wiedereinführung der Deutschen Mark als Parallelwährung in Deutschland.
Um die internationale Schuldenkrise zu verstehen, stellt man sich am besten zwei Dörfer vor, in denen nur Korn produziert wird.
S-Dorf hat in der Vergangenheit immer wieder Korn von G-Dorf geliehen und dafür Schuldscheine ausgestellt. Die Gesamtschulden von S-Dorf entsprechen inzwischen 100 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts (BIP), das heißt seiner gesamten jährlichen Kornernte.
Das ist aber kein wirkliches Problem, solange nur jeder einzelne Gläubiger in G-Dorf darauf vertraut, dass der von ihm vergebene Kredit pünktlich verzinst und gegebenenfalls auch zurückgezahlt wird. Dann wird sich auch immer ein neuer Gläubiger finden, der einen fällig gestellten Kredit ersetzt. Somit steht das inländische BIP - bis auf die Zinszahlungen - weiterhin vollständig den Bürgern des Schuldnerlands zur Verfügung.
Die Dinge ändern sich allerdings dramatisch, sobald das Vertrauen in die Bonität von S-Dorf verloren geht. Jetzt wollen plötzlich sehr viele Gläubiger gleichzeitig oder sogar alle ihre Schuldscheine in Korn einlösen. Das aber ist gar nicht möglich, ohne dass die Bevölkerung in S-Dorf schlagartig verarmen würde. In dieser Situation befindet sich aktuell etwa Griechenland.
Aber auch das Gläubigerdorf hat jetzt ein Problem. Da S-Dorf Zins und Tilgung nicht mehr tragen kann oder will, erweist sich seine Auslandsinvestition als teurer Fehlschlag. Mit dem Ergebnis: Die Schuldenkrise hat auf allen Seiten nur Verlierer hervorgebracht. Man beachte aber, dass in unserem Beispiel kein einziges Gramm Korn verloren gegangen ist oder weniger produziert wird als zuvor! So gesehen wäre das Abbrennen der Mailänder Scala realwirtschaftlich ein größerer Schaden als eine Insolvenz Italiens.
Zur Lösung einer Schuldenkrise muss man darum eigentlich "nur" das Vertrauen der Gläubiger in die Werthaltigkeit ihrer Außenstände wiederherstellen. Die bisherigen Rettungsmaßnahmen in der Euro-Zone gehen daher auch in diese Richtung: Rettungsschirme, gemeinsame Haftung und Ankauf von Schuldtiteln durch die Europäische Zentralbank (EZB) sollen den Schuldnern Luft verschaffen, um ihre Bonität und damit das Vertrauen der Kapitalmärkte zurückzugewinnen.
Bisher sind damit allerdings immer nur kurzfristige Erfolge erzielt worden, und dies zudem um den Preis langfristig kontraproduktiver Anreize: Warum sparen, wird sich auch unser Schuldnerdorf denken, wenn die anderen mich ohnehin nicht fallen lassen können?
Dieses Dilemma ist ein zentrales Problem jeder Schuldenkrise. Sind die Schulden erst groß genug, hat der Gläubiger und weniger der Schuldner das Problem.
Das Gläubigerdorf kann sich der darin liegenden Erpressungsgefahr allerdings durchaus entziehen. Denn die wirkliche Einlösung seiner Ansprüche gegen das Schuldnerdorf wäre, wie gesagt, ohnehin weder wahrscheinlich gewesen noch überhaupt nötig. Und der Verlust der Zinseinnahmen ist allemal billiger als das ständige Nachfüllen eines Schuldenfasses ohne Boden wie im Fall Griechenland.
Deshalb reicht es aus, wenn das Gläubigerland seinen Bürgern ein Ersatzaktivum zur Verfügung zu stellt, das den Vermögensverlust aus der Insolvenz des Schuldnerlands heilt. Wenn die Bürger zu diesem Ersatzaktivum das gleiche Vertrauen fassen, das sie ursprünglich einmal in ihre Auslandsforderungen hatten, gibt es keine Bilanzverluste und insoweit auch keine negativen Kettenreaktionen für die Realwirtschaft im Gläubigerland.
Diese Idee wurde in Deutschland bereits in der Krise der 30er-Jahre sowie auch nach dem Zweiten Weltkrieg umgesetzt. Damals wurden den Banken sogenannte Ausgleichsforderungen in die Bilanzen gestellt, um Verluste aus der Währungsumstellung auszugleichen. Ähnlich ist man auch nach der Wiedervereinigung sowie nach der Lehman-Krise vorgegangen.
Man würde also auf diese Weise im aktuellen Fall die Verschuldung der Problemländer durch eine Neuverschuldung Deutschlands ersetzen. Solange Deutschlands Bonität höher als die der Problemländer ist, kann das durchaus sinnvoll sein. Vor allem würde das Drohpotenzial der Problemländer dadurch deutlich sinken.
Ausgleichsforderungen sind allerdings letztlich Verbindlichkeiten des deutschen Staates. Das könnte wegen der inzwischen bereits hohen Verschuldung auch Deutschlands zum Problem werden.
In diesem Fall würde die Bundesbank etwa notleidend gewordene Italien-Papiere aufkaufen und den deutschen Gläubigern dafür D-Mark-Beträge gutschreiben. Dabei bliebe die Verschuldung unverändert, und es würde sogar noch ein Geldschöpfungsgewinn in Höhe des Restwerts der Italien-Bonds entstehen.
Am Anfang könnte der Kurs der D-Mark zum Euro eins zu eins betragen, aber im Laufe der Zeit würde er vermutlich steigen. Denn die D-Mark genießt schon aufgrund ihrer Historie und der traditionell stabilitätsorientierten Geldpolitik in Deutschland einen Vertrauensvorschuss, und nur darauf kommt es letztlich in ihrer Funktion als Ersatzaktivum an.
Dabei müsste es nicht einmal D-Mark-Bargeld geben, eine reine Buchwährung als Ergänzung zum Euro würde zunächst ausreichen. Sie würde vor allem der Vermögenshaltung dienen und könnte zum Beispiel für die Begleichung von Verbindlichkeiten verwendet oder bei der Bundesbank verzinslich angelegt werden. Eine solche Beschränkung ihrer Funktion wäre auch politisch und rechtlich klug, denn ein formaler Austritt Deutschlands aus der Euro-Zone könnte so vorerst vermieden werden.
Es gibt ja historische Erfahrungen mit Parallelwährungen, etwa dem Bimetallismus im England des 17. Jahrhunderts und die parallele Verwendung von D-Mark und Dollar in den früheren Ostblockstaaten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Darauf könnte man durchaus aufbauen. Auch wenn dabei noch sehr viele Detailfragen zu klären sind, läge hier angesichts der dramatischen Entwicklung im Euro-Raum eine möglicherweise sinnvolle Option für Deutschland.