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Merken   Drucken   07.02.2012, 14:26 Schriftgröße: AAA

Portugiesische Textilindustrie: Mit Klamotten aus der Krise

Portugal ächzt unter der Schuldenkrise und der schrumpfenden Wirtschaft. Einzig die Bekleidungsbranche entwickelt sich zum Wachstumsmotor. Sie ist der neue Hoffnungsträger der krisengeschüttelten Wirtschaft. von Tilo Wagner, Guimarães
Ratlos schaut Joaquim Almeida auf den Bagger, der in der riesigen Produktionshalle Schutt zusammenträgt: "Ich weiß nicht, ob hier wirklich etwas Neues entstehen wird. Bisher habe ich nur Bauarbeiten gesehen." Seit 40 Jahren arbeitet Almeida hier in der Asa-Fabrik am Rande der nordportugiesischen Stadt Guimarães. Erst wartete er als junger Mann die Maschinen zur Textilherstellung. Später sprühte er Farbe auf Bettbezüge. Mittlerweile ist der 53-Jährige Nachtwächter auf dem Gelände. Denn: Textilien werden bei Asa seit 2005 nicht mehr produziert.
Doch nun soll der Niedergang ein Ende haben. Nicht nur der von Asa, sondern der der ganzen Region. Portugals Textilindustrie kommt zurück mit einem neuen Geschäftsmodell. Die billige Massenproduktion der Vergangenheit wird zunehmend abgelöst von eigenständigen Produkten.
Die Kultur soll dabei helfen. In die Asa-Fabrik ist die Kunst eingezogen. Auf dem 24.000 Quadratmeter großen Areal finden nicht nur die wichtigsten Ausstellungen des Europäischen Kulturhauptstadtjahrs statt - 2012 trägt Guimarães diesen Titel zusammen mit dem slowenische Maribor. In den Hallen entstehen auch Büros für Architekten, Designer und Modemacher - die Impulse für die Textilproduktion geben sollen. "Wir wollen kreative Industrien in der Stadt fördern und so Arbeitsplätze schaffen", sagt Hélder Sousa vom Organisationsteam "Guimarães 2012".
Die Stadt, in deren Einzugsgebiet rund 160.000 Einwohner wohnen, durchlebt einen tief greifenden Transformationsprozess. In den 80er- und 90er-Jahren florierte die Textilindustrie in der Region. Wegen der niedrigen Lohnkosten erhielten Fabriken von internationalen Unternehmen Aufträge für den arbeitsintensiven Teil der Produktion. Doch das Modell brach zusammen, als die Handelsbarrieren nach Osteuropa und Asien wegfielen, wo die Hersteller noch kostengünstiger produzierten.
"Die Unternehmen mussten sich neu erfinden", sagt Carlos Teixeira, Präsident des regionalen Industrie- und Handelsverbands. "Wer am Niedriglohnmodell festhielt, ging pleite, wer in moderne Anlagen und Produktionsabläufe investierte und eine eigene Marken entwarf, überlebte." Hunderte kleine Firmen gingen Bankrott. 2007 erreichte die Arbeitslosigkeit mit 18 Prozent einen Höchststand.

Teil 2: Alte Textilarbeiter werden vom Boom nicht profitieren

  • FTD.de, 07.02.2012
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