Vernichtender kann ein Verdikt kaum sein als das Urteil, das die Franzosen den Prognosen zufolge über Nicolas Sarkozy getroffen haben. Die Botschaft der Wähler lautet, dass sie nur ihren Staatschef loswerden wollen - unabhängig davon, was stattdessen kommt. Damit hat die Präsidentschaftswahl 2012, die endgültig am 6. Mai entschieden wird, schon jetzt Wahlgeschichte geschrieben. Denn bislang galt als Gesetzmäßigkeit, dass in einer reifen Demokratie eine Wahl nur durch ein Votum für etwas gewonnen werden kann. Diese Präsidentschaftswahl war aber zuerst und vor allem eine Abwahl. Wie sehr muss ein amtierender Staatschef versagt haben, um gegen einen Gegenkandidaten wie François Hollande so schlecht auszusehen, dessen Wahlkampf vor allem im Wegducken bestand und der nicht einmal seine eigenen Anhänger wirklich mitreißen konnte?
Das Ergebnis des ersten Wahlgangs birgt eine große Chance - und ein noch größeres Risiko. Die Chance liegt paradoxerweise gerade in Hollandes fader Persönlichkeit und seinem wenig entschlossenen Auftreten. Wenn kein Wunder mehr geschieht, wird Frankreich in zwei Wochen anstelle eines Selbstdarstellers einen Langweiler zum Präsidenten haben. Mit seiner ganzen Zurückhaltung und Unverbindlichkeit könnte Hollande besser als seine Vorgänger geeignet sein, die pragmatische Reformpolitik umzusetzen, die das Land braucht, um Schuldenkrise und Wirtschaftsmisere zu entkommen - schon weil man ihm anders als Sarkozy nicht unterstellen wird, dass er das Land seinem Ego unterordnet. Eine solche Reformpolitik kann trotz vieler anderslautender Klischees im Ausland und in Frankreich einen breiten Konsens finden, vorausgesetzt die Akteure vermitteln glaubwürdig das Gefühl, es gehe gerecht dabei zu. Bei allen seinen Defiziten, diese Qualität hat Hollande.
Das Risiko aber ist, dass die Konsensfähigkeit der französischen Gesellschaft in fünf Jahren Sarkozy-Regentschaft dramatisch gesunken ist. Ein Resultat von dessen unernsthafter Mal-Reform-mal-doch-nicht-Politik ist, dass das Misstrauen in der Gesellschaft allgemein geworden ist. Wie viele sich schon vom Glauben an die alten republikanischen Werte abgewandt haben, zeigt auch das erschreckend gute Abschneiden der Rechtsradikalen Marine Le Pen.
Die Franzosen haben mit ihrem Votum ein Zeichen gesetzt. Rund ein Drittel der Wähler haben glücklicherweise erkannt, dass der jetzige Kurs der EU in eine völlig falsche Richtung führt. In meinen Augen ein Hoffnungsschimmer.