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Merken   Drucken   02.05.2012, 15:14 Schriftgröße: AAA

Präsidentenwahl in Frankreich: Sarkozys Kampf gegen die eigene Geschichte

Frankreichs Präsident Sarkozy wird im Vorfeld der Wahl von alten Affären eingeholt. Einstige Kungeleien mit Libyens Ex-Diktator Gaddafi sorgen für einen schmutzigen Schlussspurt.
© Bild: 2012 DPA/Bildfunk/Christophe Karaba
Frankreichs Präsident Sarkozy wird im Vorfeld der Wahl von alten Affären eingeholt. Einstige Kungeleien mit Libyens Ex-Diktator Gaddafi sorgen für einen schmutzigen Schlussspurt.
von und Paris

Nicolas Sarkozy hat schon wieder den Finger in der Luft. "Es bleiben drei Tage", ruft er vor Zehntausenden Anhängern. Drei Tage Wahlkampf bleiben, um zu erklären, um sich zu sammeln, um zu gewinnen. Den rechten Zeigefinger hält er dabei erst lange oben, dann lässt er ihn immer wieder von oben nach unten fahren, wie es die Aufzüge im Eiffelturm hinter ihm tun.

Frankreichs Präsident, der eine Abwahl am Sonntag fürchten muss, hat seine Anhänger noch einmal in Paris versammelt. Damit sie sehen, wie er kämpft, und damit an diesem 1. Mai nicht wieder Bilder unzufriedener Gewerkschafter dominieren, die alle Sarkozy loswerden wollen.

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Er setzt noch einmal alles auf sein Gewinnerthema von vor fünf Jahren, den Wert der Arbeit. Doch das Wahlkampfende wird überschattet davon, dass auch seine Gegner sich an alte Zeiten erinnern - nur an andere: Sarkozys zwiespältiges Verhältnis zum libyschen Diktator Muammar al-Gaddafi, den er am Élysée kampieren ließ und später mit einem Krieg stürzte, wird von linken Medien neu ausgeleuchtet. Sarkozy wittert eine Schmutzkampagne, spricht von "Niedertracht".

Vor der Stichwahl gegen den Sozialisten François Hollande mutet Sarkozy an wie ein rasendes Raubtier, das schon getroffen ist. Er schlägt wild um sich - und verfängt sich in falschen Behauptungen, mit denen er den Gegner schlechtmachen will: Mal sagt er, der Islamist Tariq Ramadan habe aufgerufen, Hollande zu wählen. Mal behauptet er, sein Rivale marschiere am 1. Mai mit den Gewerkschaften - obwohl er das absichtlich nicht tut. Die Widersprüche schwächen Sarkozys Glaubwürdigkeit - und die Gaddafi-Affären machen das noch schlimmer.

Dass er mit dem Despoten einst einen Atomdeal plante, hat Sarkozy auch erst verneint, um es tags darauf einzuräumen. Das Magazin "Les Inrockuptibles" zeichnet nun anhand regierungsinterner Vermerke nach, wie Frankreich 2007 die Befreiung bulgarischer Krankenschwestern aus libyscher Haft durch die Zusage eines Atomreaktors erkauft hat. Noch gefährlicher für Sarkozy ist eine vom Enthüllungsportal Mediapart veröffentlichte Notiz von 2006, die von Gaddafis Ex-Geheimdienstchef Mussa Kussa stammen soll. Danach hatte Libyen Sarkozy für seinen Wahlkampf 2007 50 Mio. Euro zugesagt. Gaddafis Sohn Saif al-Islam sprach schon während des französischen Libyen-Feldzugs von Schwarzgeld.

Sarkozy empört sich, dass man ihm so etwas überhaupt zutraut. Die Staatsanwaltschaft - die ihm indirekt untersteht - hat Ermittlungen gegen Mediapart aufgenommen. Zugleich versucht Sarkozy selbst, seinen Gegner moralisch zu diskreditieren: Mit Anspielungen auf Korruptionsfälle in Regionalverbänden der Sozialisten und den linken Ex-IWF-Chef und Sexbesessenen Dominique Strauss-Kahn möchte er Hollande treffen.

Aber eigentlich weiß Sarkozy, dass er mit Moraldebatten nicht gewinnen kann. Lieber sucht er die inhaltliche Auseinandersetzung um angebliche Sozialschmarotzer und um die "wahre Arbeit", die er verteidige. Auch beim TV-Duell am Mittwoch dürfte er versuchen, wie 2007 mit "Leistung muss sich lohnen"-Rhetorik zugleich bei rechten wie bei Mittewählern zu punkten. Das Duell ist die letzte Chance des aggressiven Sarkozy gegen den oft ausweichenden Hollande. Das Problem: Auch in diesem Punkt ist Sarkozy kaum glaubwürdig - seine Bilanz ist mit einer Million zusätzlichen Arbeitslosen verheerend.

Von der Rechtsextremen Marine Le Pen, deren 6,4 Millionen Stimmen aus dem ersten Wahlgang er braucht, kommt auch keine Hilfe: Auf ihrer eigenen Maikundgebung verweigert sie nicht nur eine Empfehlung für ihn - sie rechnet hart mit Sarkozy ab.

Der zeigt den Kämpfergestus, mit dem er sein Volk öfters rumgekriegt hat. Doch anders als früher scheinen nur die groben Mittel zu bleiben. Er hält seine Rede im Klassenkämpferstil der 30er-Jahre: Die anderen sind die Verräter, und er, Sarkozy, ist der einzige Retter. "Legt die rote Fahne nieder und dient Frankreich!", ruft er an die Adresse der Gewerkschaften.

"Es bleiben drei Tage", wiederholt er zum Schluss. "Drei Tage, in denen jedem klar werden muss, dass er nicht über einen Kandidaten richtet, sondern über seine Zukunft und die seiner Kinder." Er hebt beide Hände, flehend.

  • FTD.de, 02.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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