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Merken   Drucken   06.05.2005, 09:31 Schriftgröße: AAA

Pressestimmen: Blairs Ende naht  

Angesichts der deutlich geschrumpften Mehrheit der Labour-Partei bei der Unterhauswahl in Großbritannien sagen britische und internationale Zeitungen die vorzeitige Ablösung von Tony Blair voraus.
Ernste Mienen in der Stunde des Triumphs: Tony Blair und seine Frau ...   Ernste Mienen in der Stunde des Triumphs: Tony Blair und seine Frau Cherie
"The Daily Telegraph" (London):
"Es scheint sicher, dass sich Tony Blair früher in den Ruhestand verabschieden wird, als man gestern noch für möglich gehalten haben mag - und wesentlich früher, als er selbst geglaubt hat. Blair hat sich zwar einen Platz im britischen Geschichtsbuch gesichert, indem er Labour dreimal in Folge zum Sieg verholfen hat. Doch verglichen mit 1997 und 2001 gibt es einen wesentlichen Unterschied: Trotz seiner enormen politischen Fähigkeiten ist Blair ganz klar nicht mehr länger die Trumpfkarte, die er bisher gewesen ist.
Blair mag zum dritten Mal triumphieren, aber er hat die Zeitbombe, die neben ihm in Downing Street Nummer 11 tickt, nicht entschärfen können. Im Wahlkampf ist Finanzminister Gordon Brown mustergültig loyal gewesen, aber er hat in der Vergangenheit schon öfters durchblicken lassen, wie ungeduldig er ist."
"The Guardian" (London):
"Viele haben mit ihrem Stimmzettel klargemacht, dass sie Blairs Weigerung, in der Irakfrage auf die Nation zu hören, als Scheidungsgrund betrachten. Damit haben sie ihre Hauptziele wohl erreicht: Sie haben eine Gewissensentscheidung getroffen, sie haben die Labour-Mehrheit auf Normalmaß zurechtgestutzt, und sie haben - aller Wahrscheinlichkeit nach - Blairs Abschied aus der Downing Street beschleunigt."
"Tages-Anzeiger" (Zürich):
"Mag sein, dass diese Einbußen nun Blairs eigenen Abgang beschleunigen werden. Fürs Erste aber hat Tony Blair, zusammen mit Schatzkanzler Gordon Brown, der Labour Party eine neue Amtszeit in Downing Street besorgt. Anderswo in Europa muss ein solcher Erfolg ja puren Neid erwecken. Was hat Labour zu diesem Erfolg verholfen? Die Tories boten, auch nach acht langen Jahren, keine echte Alternative. Die Liberaldemokraten schlugen sich wacker, bleiben im Ergebnis aber hinter den Erwartungen zurück. Statt für die Wende haben die Briten für weiteren Wandel gestimmt."
"Svenska Dagbladet" (Stockholm):
"Nur durch das Festhalten am Erbe von Margaret Thatcher hatte der britische Premierminister Tony Blair die Möglichkeit zu seiner historischen Leistung als erster Labour-Chef mit drei Wahlsiegen in Folge. Doch mit dem kräftigen Schrumpfen seiner Partei könnte es für Blair schwer werden, sein Reformwerk zu vollenden, ehe er die Politik vor dem Abschluss der Legislaturperiode verlässt. Das unterstreicht den Bedarf eines Machtwechsels bei den kommenden Wahlen. Jetzt fallen nicht nur Erfolge auf, sondern auch die Ermüdung."
"El Mundo" (Madrid):
"Die aggressive Kampagne der Rechten gegen Blair ist gescheitert, weil es sehr schwer war, die Wähler davon zu überzeugen, dass er für einen Krieg bestraft werden musste, den der konservative Herausforderer Michael Howard als Erster unterstützt hat."
"La Repubblica" (Rom):
"Der politische Preis, den Tony Blair für seinen unbeliebten Krieg im Irak und die damit verbundenen Lügen - um diesen zu rechtfertigen - zahlt, erscheint nach den ersten Prognosen sehr hoch. Höher als erwartet. Ein Verlust, der ihm zwar in der nächsten Zukunft nicht verbieten wird zu regieren, aber der seine Position als Premierminister zerbrechlich macht. So zerbrechlich, dass dies die Möglichkeit, bis zum Ende der dritten Legislatur zu kommen, einschränken könnte."
"La Tribune" (Paris):
"Während Tony Blair, seit acht Jahren Mieter von Downing Street Nummer 10, jetzt sein drittes Mandat als britischer Premierminister erringt, feiert Jacques Chirac seine zehn Jahre im Elysée-Palast. Die Parallele tut weh. Blair hat Großbritannien wesentlich auf den Weg des Wachstums sowie der Beseitigung der Arbeitslosigkeit und sogar der Armut gebracht. Die Briten machen sich eher wenig Sorgen um ihre Arbeitsplätze, mehr um die Gesundheitspolitik und die Bildung. Chirac seinerseits ist weit von einer so brillanten Bilanz entfernt. Wenn man eine Momentaufnahme von Frankreich von vor zehn Jahren mit einem Foto von heute vergleicht, dann fällt das wenig schmeichelhaft aus."
  • FTD.de, 06.05.2005
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