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Merken   Drucken   28.04.2012, 10:00 Schriftgröße: AAA

Pressestimmen zu Anschlägen in der Ukraine: Anschlag auf den Staat

Eine Bombenserie in der Ukraine lenkt die internationale Aufmerksamkeit weg von der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Die Leitartikler befürchten, dass die Regierung in Kiew die Krise ausnutzt - und sehen in der Fußball-EM einen Hoffnungsschimmer für den jungen Staat.
© Bild: 2007 AFP
Eine Bombenserie in der Ukraine lenkt die internationale Aufmerksamkeit weg von der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Die Leitartikler befürchten, dass die Regierung in Kiew die Krise ausnutzt - und sehen in der Fußball-EM einen Hoffnungsschimmer für den jungen Staat.

"Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Boykott und vollständige Isolation das Gegenteil von dem erreichen, was sie bewirken sollen. Die Teilnahme von Teams aus allen demokratischen Staaten an den Olympischen Spielen 2008 in China ist das jüngste Beispiel dafür, dass internationale Großereignisse zur Öffnung eines abgeschotteten Systems beitragen können. China ist in den Jahren seit der Vergabe der Spiele ein offeneres Land geworden, wenn auch noch kein demokratisches. Die Fußball-EM kann die Ukraine auf ihren 2004 eingeschlagenen Weg nach Europa zurückführen. Wird das Land isoliert, entsteht an der Ostgrenze der EU andernfalls womöglich ein Krisenherd."

"Hätten die Täter die Regierung treffen wollen, hätten sie auf Politiker oder Institutionen gezielt. Wer auch immer die Bomben gelegt hat, wollte mit der Anschlagserie im Stadtzentrum Angst und Schrecken verbreiten und die Bevölkerung verunsichern. Er wollte die Stabilität des ukrainischen Staates und der ukrainischen Gesellschaft erschüttern. Daran kann derzeit keines der beiden verfeindeten politischen Lager im Land ein Interesse haben. Die Ukraine ist ein junger Staat, der gerade einmal auf eine zwanzigjährige Geschichte zurückblickt. In vieler Hinsicht ringt er noch um seine Identität und um seinen Platz in Europa. Alle Diplomatie - aber auch die Fußball-EM - sollte einem Ziel dienen: das Land zu stabilisieren."

"Der internationale Druck auf den Präsidenten Viktor Janukowitsch wächst spürbar. Da kommt ihm die Anschlagsserie in Dnjepropetrowsk gerade recht. Es ist bezeichnend, dass in der Ukraine sofort das Gerücht kursierte, staatliche Stellen hätten die Bomben selbst gelegt. Das zeigt, wie wenig die Bevölkerung ihrer Obrigkeit traut. Das zynische Spiel mit der angeblichen Bedrohung von außen - in postsowjetischen Ländern taucht dieser Verdacht immer wieder auf. Es gibt keine Beweise dafür, dass die Anschläge von Dnjepropetrowsk von der Staatsmacht inszeniert wurden. Aber es steht zu befürchten, dass Viktor Janukowitsch sie in seinem Interesse ausnutzen wird."

"Jetzt erschüttert auch noch eine Anschlagsserie das Land. War es ein Fehler, der ehemaligen Sowjetrepublik die Europameisterschaft zu geben? So weit sollte man nicht gehen. Die Ukraine ist ein junger Staat mit internen Konflikten, hin- und hergerissen zwischen den Nachbarn Russland und EU. Die Vergabe der EM erfolgte auch in der Hoffnung, dass ein Modernisierungsschub ausgelöst würde. Inzwischen sieht es aber so aus, als würden eher die rückwärtsgewandten Kräfte die Oberhand gewinnen. Die kritische Menschenrechtslage muss offen angesprochen werden, ein Boykott würde der Ukraine jedoch nicht weiterhelfen."

"In der Ukraine zählen Menschenrechte nicht viel, unzählige Menschen sitzen aus politischen Gründen in Gefängnissen, wer krank ist, kann grundsätzlich keine angemessene ärztliche Versorgung erwarten. Timoschenko ist zur Galionsfigur geworden, die den internationalen Protest entfacht. Der Einsatz für ihre Rechte ist nötig, er wird jedoch verlogen, wenn es ausschließlich um die Ex-Regierungschefin geht."

  • dpa, 28.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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