"Die Strategie der FDP für den parlamentarischen Überlebenskampf läuft auf Hochtouren. Als Vehikel dient diesmal der böse Bube Biosprit. Und in einer ungewohnten Allianz springen die Linke, Grüne, Greenpeace und andere Umweltorganisationen der FDP bei. Etwas Besseres hätte den Liberalen nicht passieren können. Aber so sinnvoll der Niebel-Vorstoß war, weil er eine erlahmte Debatte um Tank und Teller wieder in Gang gebracht hat: Die Problemlage ist weitaus differenzierter, als manche glauben machen wollen. Der von Niebel geforderte Stopp des Agrosprits E10 ist zwar ethisch sehr berechtigt, würde jedoch den Welthunger kaum lindern. Mit einem Hinweis hat er indes recht: Wenn Flächen für Nahrungsmittelproduktion wegen unsinniger Energiepolitik fehlen, muss dies geändert werden."
"Niebel packt nur ein winziges Mosaiksteinchen zur Bekämpfung des Hungers in der Welt an. Dabei hätte seine FDP in der Regierung durchaus die Möglichkeit, an größeren Stellschrauben zu drehen: Beim Klimaschutz etwa, der maßgeblich dazu beitragen kann, noch mehr Dürreperioden wie derzeit in den USA oder Indien zu verhindern. Den aber blenden die Liberalen konsequent aus zugunsten einer Politik, die auf Wachstum um jeden Preis setzt. Um die Ernährungskrise in den Griff zu bekommen, bedarf es langfristiger Strategien statt eines kurzfristigen Populismus."
"Natürlich wird die Abschaffung des Biotreibstoffs E10 ebenso wenig den Hunger in der Welt stoppen wie ein Wegwerfverbot für Pausenbrot. Aber es ist gut, dass in Deutschland über "Tank statt Teller" gestritten wird, dass wieder über Moral gesprochen wird. Energiegewinnung aus Biomasse kann eine Rolle spielen bei der Energiewende - aber so leicht wie bisher darf man es sich dabei nicht machen."
"Es spricht einiges für das Verbot: So würde zum einen mit der Mär vom Klimaschutz nutzen durch E10 aufgeräumt. Angeblich sei der Biosprit CO2 -neutral. Was allein angesichts der Herstellung, des Transports vom Hersteller zur Tankstelle und des hohen Verbrauchs nicht stimmen kann. Zum anderen würde das Verbot ein starkes Signal sein. Denn in den USA wandern statt der vier Prozent wie bei uns satte 40 Prozent der Mais ernte in den Tank."
"Aber auch wer nicht moralisch, sondern streng ökonomisch argumentiert, kann in dem Umgang mit dem Biosprit nur ein weiteres Beispiel für den Irrsinn deutscher Subventionszahlungen entdecken. Eine Politik, die den Anbau für die Energiegewinnung mehr fördert als für Lebensmittel, hat keinen Rückhalt in der Bevölkerung verdient. Wer dem hehren Ziel, umweltfreundlichen Kfz-Verkehr zu erreichen, näherkommen will, muss folglich unbequemere Wege einschlagen: Sparsamere Autos durch geringere Motorleistung sind eine Möglichkeit, für die schon lange die technischen Voraussetzungen existieren. Und dass Tempolimits den Spritverbrauch senken, ist ebenso bewiesen. Moralisch jedenfalls könnte gegen diesen Kurs überhaupt nichts eingewendet werden."
"Wohl kaum eine Rolle spielt hingegen der Umweltschutz-Effekt bei E10: Die angebliche Kohlendioxid-Einsparung durch die erhöhte Bioethanol-Beimischung ist längst als Taschenspielertrick der Automobilindustrie Automarkt enttarnt. Und damit sind wir beim Kern des Problems angelangt: Agrarflächen für Bilanztricks zu belegen, ist kein zukunftsträchtiges Konzept. Viel wichtiger ist es, dass die Industrie sich noch stärker darauf konzentriert, sparsamere Fahrzeugmotoren zu entwickeln. Dann sind Gewissenskonflikte an der Zapfsäule überflüssig."