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Merken   Drucken   06.07.2011, 21:08 Schriftgröße: AAA

Ratingagenturen: Kritik auf Ramschniveau

Leitartikel Was wurden die Ratingagenturen dafür beschimpft, wie sie im Vorfeld der Finanzkrise versagt haben. Jetzt, wo sie endlich ihrer Pflicht nachkommen, ist das Gezeter groß. Die Forderung, ihr Urteil jetzt einfach zu ignorieren, ist deshalb nicht nur unverschämt. Sie führt auch auf einen gefährlichen Irrweg.

Es überrascht nicht, dass die Politik erbost auf die Abwertung der Kreditwürdigkeit Portugals durch die Ratingagentur Moody's reagiert. Jedes Mittel scheint inzwischen recht, um von der eigenen Schwäche abzulenken. Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen nennt die Herabstufung voreilig, Portugals Regierung unterstellt, die Ratingagentur habe ihr Sparpaket nicht verstanden. Man könnte sagen: Die Nerven Europas sind auf Ramschniveau.

Auch Angela Merkel hatte sich schon eingemischt. Die Kanzlerin hat erklärt, sie vertraue lieber der EU-Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem IWF. Will heißen: Nehmt die Ratingagenturen bloß nicht zu ernst. Es drängt sich der Verdacht auf, dass die Politik den Überbringern der schlechten Nachrichten am liebsten den Kopf abschlagen will.

Diese schlechten Nachrichten sind längst Allgemeingut: Einige Staaten der Euro-Zone sind heillos überschuldet. Die Rückkehr von Griechenland, Portugal und Irland an den Kapitalmarkt in den kommenden zwei bis drei Jahren ist illusorisch, die Ansteckungsgefahr nicht gebannt.

Keine Frage, die Ratingagenturen haben im Vorfeld der Finanzkrise versagt. Sie haben Schrottpapiere zu gut bewertet und waren mitschuldig an der Krise. Nun entsteht der Eindruck, sie wollten mit kritischen Studien wieder an Reputation gewinnen.

Aber wurden die Agenturen nicht lange gescholten, dass sie Pleiten wie die von Lehman Brothers gar nicht oder zu spät erkannt haben? Gerade also haben sie noch geschlafen, nun sollen sie zu voreilig sein. Da stimmt doch was nicht. Eines jedenfalls ist unbestreitbar: Bislang haben sich alle Herabstufungen als wahr erwiesen.

Darüber hinaus führt die Forderung Merkels, sich von Ratings zu emanzipieren, auf einen gefährlichen Irrweg: Viel ist die Rede von Interessenkonflikten der Ratingagenturen, weil der Emittent von Schuldpapieren selbst für die eigene Bonitätsbewertung zahlt. Von einem Interessenkonflikt der Institutionen, denen Merkel vertraut, redet niemand: EU und IWF haben, wenn auch abgedeckt über Ländergarantien, einen dreistelligen Milliardenbetrag allein in Griechenland im Feuer. Das sind schlechte Voraussetzungen für ein unvoreingenommenes Urteil über die Solvenz von Staaten oder die Notwendigkeit eines Schuldenschnitts.

  • Aus der FTD vom 07.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland
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