Der leere Stuhl des Papstes - Ratzinger will nicht darauf Platz nehmen
Seit November 1981 war er Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan, der höchsten und zentralen Instanz für die Interpretation und Verteidigung der katholischen Lehre. Ende 2002 wurde er zudem Dekan des Kardinalskollegiums, das den Papst berät und bei einer Vakanz dessen Nachfolger wählt.
In den vergangenen Jahren hatte Ratzinger jedoch wiederholt den Wunsch geäußert, aus gesundheitlichen Gründen von seiner Aufgabe als Präfekt der Glaubenskongregation entbunden zu werden. "Dieses Leben ist sehr hart. Ich warte ungeduldig auf die Zeit, in der ich noch einige Bücher schreiben kann", sagte Ratzinger, der 2004 mit dem italienischen Literaturpreis San Michel ausgezeichnet wurde, vor einigen Jahren in einem Interview. Auf Drängen des Papstes war er jedoch bis zuletzt in dem Amt geblieben, das er mit dem Tod von Johannes Paul II. automatisch verloren hat.
Als Sohn eines Gendarmeriemeisters wurde Ratzinger am 16. April 1927 in Marktl am Inn geboren. Den "Großinquisitor aus Marktl am Inn" nennen ihn seine Kritiker jedoch nicht nur, weil Ratzinger jenes Amt innehat, dem früher die Herren der Inquisition vorstanden, sondern auch weil er äußerst hart gegen anders Denkende vorgeht. In den sechziger Jahren war der junge Ratzinger noch ganz anders gewesen: Erfasst vom Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils galt er als weltzugewandt und reforminteressiert.
Reformer im Konzil
Noch 1968 plädierte er, zusammen mit seinem Tübinger Kollegen Hans Küng, "gegen Zwangsmaßnahmen bei irrigen theologischen Auffassungen". Später freilich unterstützte er Zwangsmaßnahmen gegen Küng - die mit der Amtsenthebung des populären Theologen endeten. An der Spitze der Glaubenskongregation sprach sich Ratzinger entschieden gegen Frauenpriestertum, Feminismus, Abtreibung und Schwangerenkonfliktberatung aus. Abtreibungsgesetze geißelte er als "Kultur des Todes". Der 1992 veröffentlichte Weltkatechismus entstand unter seiner Federführung.
Ratzinger, der in einer tief religiösen Familie aufwuchs, war bis auf Sport ein Einser-Schüler. Nach dem Abitur auf dem Gymnasium Traunstein studierte er an der Theologischen Hochschule in Freising und an der Universität München Katholische Theologie und Philosophie. Anschließend wurde er zum Priester geweiht.
1953 promovierte er, und bereits mit 30 Jahren legte er seine Habilitationsschrift vor. Diese Arbeit über die "Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura" wäre jedoch beinahe abgelehnt worden, er musste sie korrigieren. Bereits seit 1951 war er Privatdozent, 1958 wurde er Dogmatik-Professor an der Theologischen Hochschule in Freising, später lehrte er an den Universitäten Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg.
Heimatort in Bayern hat schon große Pläne
1977 berief ihn Papst Paul VI. zum Erzbischof von München und Freising, wenig später erhob er ihn in den Kardinalsstand. 1981 wechselte Ratzinger als Kurienkardinal nach Rom und wurde Präfekt der Glaubenskongregation. In Rom wurde er lange Jahre von seiner Schwester Maria betreut, die 1991 starb. Sein Bruder Georg leitete lange Jahre den berühmten Chor der Regensburger Domspatzen.
Ungeachtet aller Spekulationen bereitet sich Ratzingers Geburtsort bereits auf einen Pilgeransturm nach der Papstwahl vor, wie der Bürgermeister von Marktl am Inn, Hubert Gschwendtner, sagte. Gschwendtner hat sich bereits ausgedacht, die geringe Zahl von 100 Gästebetten mit den Möglichkeiten des Campingplatzes und großen Pilgerzelten in der Nähe des Sportplatzes zu ergänzen. In Ratzingers Geburtshaus am Marktplatz 11 will die Gemeinde im Falle seiner Wahl zum Papst ein Museum einrichten.