Gustav Horn ist Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. Fabian Lindner ist Referatsleiter Arbeitsmarkt
Es gibt wieder einmal schlechte Nachrichten aus München. Wenn die Deutschen die Euro -Krisenstaaten stützen, um den Zerfall der Währungsunion zu verhindern, schneiden sie sich doppelt ins eigene Fleisch - behauptet zumindest Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Demnach tragen die Deutschen im Rahmen des Euro-Rettungsschirms nicht nur Kreditrisiken, sie leisten angeblich auch einem weiteren Nettokapitalexport Vorschub.
Sinn behauptet seit Jahren, diesen Begriff, der in der Leistungsbilanz der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) auftaucht, müsse man wörtlich nehmen und als Indikator für Strukturprobleme begreifen. Durch Nettokapitalexporte, so Sinn, werde "frisches deutsches Sparkapital" ins Ausland exportiert und fehle daheim für Investitionen. Für 2010 macht er beispielsweise folgende Rechnung auf, die nicht nur für Laien bedrohlich klingt: "Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis betrug in diesem Jahr 277 Mrd. Euro, 111 Mrd. Euro wurden netto in Deutschland investiert, und 166 Mrd. Euro flossen netto als Kapitalexport ins Ausland."
Sinn stellt hier die These auf, die Kreditmenge in einem Zeitraum sei limitiert - mehr als die im gleichen Zeitraum anfallende Ersparnis könne nicht vergeben werden. Deswegen sei dieser Sparbetrag heiß umkämpft. Und deshalb machten die "Konkurrenten am Kapitalmarkt (...) den deutschen Investoren die Kredite abspenstig". Folge: Die Bundesregierung verhalte sich grob fahrlässig, wenn sie diesen Konkurrenten - den Krisenstaaten - durch Hilfszusagen auch noch dabei hilft, deutsches Sparkapital wegzulocken. Wahnsinn, oder?
Der Haken an Sinns Thesen ist: Sie sind falsch. Weder kann Ersparnis irgendwie durch Nettokapitalexport abfließen, noch sind Kredite auf die laufende Ersparnis limitiert. Die Ausländer nehmen uns nicht die Kredite weg - sie kaufen vielmehr deutsche Waren und schaffen dadurch Einkommen und Beschäftigung im Inland.
Um die tatsächlichen Zusammenhänge zu verstehen, muss man leider detaillierter in die graue Welt der Buchhaltung eintauchen. Dann findet man zunächst einmal heraus, dass ein Nettokapitalexport nicht das ist, was er semantisch vorgibt zu sein.
Ein Nettokapitalexport ist das buchhalterische Gegenstück zum Leistungsbilanzüberschuss. In der Leistungsbilanz werden alle Einkommen und Ausgaben für Leistungen verbucht - seien es der Kauf und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen, Arbeits-, und Kapitaleinkommen oder Transferzahlungen. Nicht nur die ganze Volkswirtschaft hat eine Leistungsbilanz, sondern auch einzelne Wirtschaftseinheiten - Haushalte, Unternehmen und Einzelpersonen. Verdient jemand mehr, als er ausgibt, oder verkauft er mehr, als er kauft, entsteht ein Leistungsbilanzüberschuss; kauft er mehr, als er verkauft, entsteht ein Leistungsbilanzdefizit.
Teil 2: Natürlich birgt eine Kreditvergabe Risiken
Hans-Werner Sinn verwechselt die Bedeutung von Nettokapitalexport und Kapitalabfluss und baisert darauf seine These....