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Merken   Drucken   23.05.2011, 15:27 Schriftgröße: AAA

Rettung Griechenlands: Die Mär vom deutschen Kapitalabfluss

Wenn die Bundesrepublik den Griechen ein Darlehen gewährt, verknappt das nicht die heimische Kreditvergabe, wie Hans-Werner Sinn behauptet. Ein einfaches Beispiel widerlegt seine These.
© Bild: 2011 AFP
Kommentar Wenn die Bundesrepublik den Griechen ein Darlehen gewährt, verknappt das nicht die heimische Kreditvergabe, wie Hans-Werner Sinn behauptet. Ein einfaches Beispiel widerlegt seine These. von Gustav Horn und Fabian Lindner
Gustav Horn ist Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. Fabian Lindner ist Referatsleiter Arbeitsmarkt
Es gibt wieder einmal schlechte Nachrichten aus München. Wenn die Deutschen die Euro -Krisenstaaten stützen, um den Zerfall der Währungsunion zu verhindern, schneiden sie sich doppelt ins eigene Fleisch - behauptet zumindest Hans-Werner Sinn, Präsident des Münchner Ifo-Instituts. Demnach tragen die Deutschen im Rahmen des Euro-Rettungsschirms nicht nur Kreditrisiken, sie leisten angeblich auch einem weiteren Nettokapitalexport Vorschub.
Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institut   Hans-Werner Sinn, Präsident des Ifo-Institut
Sinn behauptet seit Jahren, diesen Begriff, der in der Leistungsbilanz der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) auftaucht, müsse man wörtlich nehmen und als Indikator für Strukturprobleme begreifen. Durch Nettokapitalexporte, so Sinn, werde "frisches deutsches Sparkapital" ins Ausland exportiert und fehle daheim für Investitionen. Für 2010 macht er beispielsweise folgende Rechnung auf, die nicht nur für Laien bedrohlich klingt: "Die gesamtwirtschaftliche Ersparnis betrug in diesem Jahr 277 Mrd. Euro, 111 Mrd. Euro wurden netto in Deutschland investiert, und 166 Mrd. Euro flossen netto als Kapitalexport ins Ausland."
Sinn stellt hier die These auf, die Kreditmenge in einem Zeitraum sei limitiert - mehr als die im gleichen Zeitraum anfallende Ersparnis könne nicht vergeben werden. Deswegen sei dieser Sparbetrag heiß umkämpft. Und deshalb machten die "Konkurrenten am Kapitalmarkt (...) den deutschen Investoren die Kredite abspenstig". Folge: Die Bundesregierung verhalte sich grob fahrlässig, wenn sie diesen Konkurrenten - den Krisenstaaten - durch Hilfszusagen auch noch dabei hilft, deutsches Sparkapital wegzulocken. Wahnsinn, oder?
Wie sollte Griechenland umschulden?

 

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Der Haken an Sinns Thesen ist: Sie sind falsch. Weder kann Ersparnis irgendwie durch Nettokapitalexport abfließen, noch sind Kredite auf die laufende Ersparnis limitiert. Die Ausländer nehmen uns nicht die Kredite weg - sie kaufen vielmehr deutsche Waren und schaffen dadurch Einkommen und Beschäftigung im Inland.
Um die tatsächlichen Zusammenhänge zu verstehen, muss man leider detaillierter in die graue Welt der Buchhaltung eintauchen. Dann findet man zunächst einmal heraus, dass ein Nettokapitalexport nicht das ist, was er semantisch vorgibt zu sein.
Ein Nettokapitalexport ist das buchhalterische Gegenstück zum Leistungsbilanzüberschuss. In der Leistungsbilanz werden alle Einkommen und Ausgaben für Leistungen verbucht - seien es der Kauf und Verkauf von Gütern und Dienstleistungen, Arbeits-, und Kapitaleinkommen oder Transferzahlungen. Nicht nur die ganze Volkswirtschaft hat eine Leistungsbilanz, sondern auch einzelne Wirtschaftseinheiten - Haushalte, Unternehmen und Einzelpersonen. Verdient jemand mehr, als er ausgibt, oder verkauft er mehr, als er kauft, entsteht ein Leistungsbilanzüberschuss; kauft er mehr, als er verkauft, entsteht ein Leistungsbilanzdefizit.

Teil 2: Natürlich birgt eine Kreditvergabe Risiken

  • FTD.de, 23.05.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 30.05.2011 10:51:18 Uhr   Noel König: Wer hat Recht?

    Es ist schwer zu glauben, dass Gustav Horn Volkswirtschaft studiert haben soll. Natürlich hat Prof. Sinn recht. Der Bäcker verkauft ein Brötchen. Das aus diesem Geschäft resultierende Einkommen verleiht er dem Käufer des Brötchens. Der Kunde kann den Kredit nur zurückzahlen, wenn er selbst etwas verkauft und aus dem Erlös die Schulden bezahlt. Genau hierin liegt das Problem vieler Südländer. Sie haben ihre Wettbewerbsfähigkeit verloren, weil sie zu teuer geworden sind. Sie können ihre Importe nicht mehr durch ihre Exporte bezahlen, sondern müssen Kapital importieren. Aufgrund der Eigenkapitalverluste vieler Banken, waren diese zum Deleveraging gezwungen. Das bedeutet, sie mußten Ihre Ausleihungen im Verhältnis zum geschrumpften Eigenkapital verringern. Natürlich entsteht durch die Gewährung von Kredit sogenanntes Giralgeld (Giralgedschöpfung). Der Kredit wird zum Kauf von Gütern verwendet und so können beim Verkäufer wieder neue Ersparnisse gebildet werden. Werden diese Ersparnisse weiter verliehen, entsteht wieder Giralgeld. Reichen die Ersparnisse nicht aus, können sich die Banken natürlich bei der Zentralbank refinanzieren. Das alles bedeutet aber nicht, dass die Menge an verfügbarem Kredit nicht begrenzt ist. Die Bank kann entscheiden an wen sie die Kredite vergeben will. An den deutschen Häuslebauer, an ein deutsches Unternehmen, welches ein neues Firmengebäude bauen möchte, an den griechischen Staat oder eine spanische Immobiliengesellschaft. Die deutschen Kreditkunden konkurrieren also durchaus mit potenziellen Kreditkunden aus dem Ausland. Mit freundlichem Gruß Noel König

  • 29.05.2011 15:12:00 Uhr   tkoeck: Tobias Köck
  • 26.05.2011 10:38:54 Uhr   Susanne Albrecht: Mär vom deutschen Kapitalabfluss
  • 26.05.2011 09:41:27 Uhr   focus: @makroökonom
  • 25.05.2011 23:05:53 Uhr   Thomas Müller: no comments
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