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Merken   Drucken   19.07.2012, 17:30 Schriftgröße: AAA

Rohstoffe: Die Euro-Krise ist auch eine Ölkrise

Kommentar Die EU kann ihre Handelsbilanz wesentlich verbessern, indem sie ihre Rechnungen für den Rohstoffimport halbiert. Das geht nur mit einem massiven Ausbau der erneuerbaren Energien.
von Hans-Josef Fell

Hans-Josef Fell ist energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion.


Vor wenigen Jahren warnten viele Ökonomen, dass die Weltwirtschaft einen dauerhaft hohen Ölpreis von 100 Dollar pro Barrel nicht verkraften könne. Nun liegt dieser seit eineinhalb Jahren über oder um die 100 Dollar. Die Krise im Euro -Raum wird dabei fast ausschließlich als Finanz-, Banken- und Staatsschuldenkrise diskutiert. Die meisten Ökonomen, Finanzinstitute und politischen Akteure kümmern sich nicht um die Frage, ob denn die Krise auch etwas mit den steigenden Rohstoffpreisen zu tun hat.

Mit fatalen Folgen, denn der Einfluss der steigenden Rohstoffpreise auf die Euro-Krise ist massiv, höchstwahrscheinlich sogar dominant. Natürlich sind die Analysen im finanzpolitischen Raum existenziell wichtig. Sie sind notwendig, aber nicht hinreichend, um die Euro-Krise wirklich nachhaltig zu lösen.

Der Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell   Der Grünen-Energieexperte Hans-Josef Fell

Allein zwischen Oktober 2010 und September 2011 hat die Importabhängigkeit von Rohstoffen, insbesondere Erdöl, die 27 EU-Länder Netto 408 Mrd. Euro gekostet. Zum Vergleich: Das Leistungsbilanzdefizit der EU27 betrug im selben Zeitraum 119 Mrd. Euro, wie eine Studie von Sven Giegold aufzeigte. Dies bedeutet, dass die EU insgesamt eine sehr positive Handelsbilanz aufweisen könnte, wenn sie die Rohstoffimportrechnungen wenigstens halbieren könnte. Und mit einem steigenden Ölpreis steigt auch das Außenhandelsdefizit.

Die Politiker in Europa haben aber nun kaum Einfluss auf die globalen Rohstoffpreise. Denn diese folgen allein der weltweiten Relation von Angebot und Nachfrage. Die Nachfrage steigt weiterhin, aber das Angebot stagniert, seit der Peak der Förderung von Crude Oil im Jahre 2006 überschritten wurde. Von August 2008 bis Anfang 2009 sank der Ölpreis ja nur, weil der historisch hohe Ölpreis im Juli 2008 von fast 150 Dollar pro Barrel die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession schickte, ausgelöst durch die Lehman-Pleite, die mehr mit dem hohen Ölpreis zu tun hatte als allseits diskutiert.

Ab Mitte 2009 zogen dann die Weltwirtschaft und mit ihr der Ölpreis wieder an, bis auf 120 Dollar pro Barrel im März 2012. Seitdem beginnt der hohe Ölpreis, die Weltwirtschaft wieder auf den Rezessionspfad zu schicken - und erneut sinken die Ölpreise.

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Zu den hohen Rohstoffrechnungen kommen noch weitere energiebedingte schuldentreibende Faktoren. Fossile Rohstoffe werden massiv subventioniert und belasten damit in hohem Maße die öffentlichen Haushalte. So sind nach Analysen der Internationalen Energieagentur (IEA) die weltweiten Subventionen für fossile Energieträger von 312 Mrd. Dollar im Jahr 2009 auf 408 Mrd. Dollar im Jahr 2010 gestiegen. Viele Staaten versuchen, mit höheren Subventionen soziale Unruhen wegen steigender Erdölpreise zu verhindern.

Ein ehrenhaftes Ziel, das aber zum Scheitern verurteilt ist, weil die Verknappung der Rohstoffe alle fossilen Energiepreise in der Tendenz nach oben treiben wird. Steigende Staatsverschuldung, in letzter Konsequenz Staatsbankrotte sind die Folge dieser Versuche, mit Steuergeldern den Preis für Erdölkonsum niedrig zu halten.

Der einzige Ausweg aus der Abhängigkeit der fossil geprägten Wirtschaft ist die schnelle Umstellung auf eine Wirtschaft, die weitgehend unabhängig ist von Rohstoffpreisen. Dies kann nur eine Wirtschaft auf der Basis erneuerbarer Rohstoffe sein: erneuerbare Energien für Strom, Wärme und Transport sowie eine erneuerbare Chemie und biologische Landwirtschaft.

Natürlich benötigt die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien, Chemie und biologische Landwirtschaft Kapitalinvestitionen. Aber genau diese sind es doch, die wir brauchen, um neue Beschäftigung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu schaffen.

Deutschland hat gezeigt, dass dieser Weg erfolgreich ist. Von 1998 bis 2011 stieg die Zahl der Jobs in der Branche der erneuerbaren Energien von 30.000 auf 380.000. Gleichzeitig konnten dadurch Zug um Zug Rohstoffimporte abgebaut werden. Allein im Jahr 2011 wurden durch die Nutzung der erneuerbaren Energien in Deutschland Energierohstoffimporte in Höhe von 9 Mrd. Euro vermieden.

Wer also wirksam die Euro-Krise bekämpfen will, muss neben den finanzpolitischen Maßnahmen auch die Umstellung auf eine regenerative Wirtschaft massiv vorantreiben. Die Energiewende in Deutschland ist also keine Belastung für die Wirtschaft, sondern eine zwingende Notwendigkeit, um weitere Wirtskrisen zu vermeiden.E-Mail leserbriefe@ftd.de

  • FTD.de, 19.07.2012
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Kommentare
  • 23.07.2012 12:32:48 Uhr   focus: @Jürgen

    Warum wollen die USA in den Yucca Mtn. den radioaktiven Abfall mindestens 800 m tief in den Fels verbuddeln?

    Der Staat übernimmt die Kosten der Endlagerung, warum ist es nicht Sache der Betreiber der Anlagen diese Kosten zu übernehmen? D hat das Kostenproblem ebenfalls auf diese Weise gelöst.

  • 23.07.2012 08:40:09 Uhr   Alatheia: Wichtig!
  • 22.07.2012 22:43:59 Uhr   Jürgen: Energie- Beschaffungskosten
  • 21.07.2012 14:55:35 Uhr   Alfred: peinlicher Artikel
  • 21.07.2012 10:01:58 Uhr   Alexander Dreyer: Im Prinzip der richtige Ansatz
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