In Frankreich wird am Sonntag ein neuer Präsident gewählt. Nachdem am Samstag bereits die Franzosen in den Überseegebieten abstimmen konnten, sind seit Sonntagmorgen 8.00 Uhr MESZ auch die Bewohner des Mutterlands zur Wahl aufgerufen. Schon zum Auftakt berichteten Wahlbüroleiter von einem starken Andrang.
Insgesamt rund 46 Millionen Bürger können entscheiden, wer in den kommenden fünf Jahren das höchste französische Staatsamt bekleidet. Als Favorit gilt der Sozialist François Hollande. Er liegt seit Monaten in allen Umfragen vor dem um eine zweite Amtszeit kämpfenden Präsidenten Nicolas Sarkozy.
Betont entspannt zeigten sich die beiden Präsidentschaftskandidaten am Sonntag bei der Stimmabgabe. Jovial lächelnd, Hände schüttelnd und Küsschen verteilend erschien Hollande gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler in einem öffentlichen Gebäude seines Wahlkreis Tulle in Zentralfrankreich. Während sie in der Wahlkabine verschwand, genoss er sichtlich die aufmunternden Worte seiner Anhänger. Bei der Stimmabgabe ließ er sich ausgiebig fotografieren und signierte ein Hochzeitsfoto, das ihm eine Wählerin reichte. Strahlend und demonstrativ gut gelaunt suchte er anschließend das Bad in der Menge.
Auch sein Kontrahent Sarkozy zeigte sich demonstrativ lächelnd bei der Stimmabgabe am Mittag. Er wählte im vornehmen 16. Pariser Arrondissement in Begleitung seiner Frau Carla Bruni-Sarkozy. Wie auch Hollande genoss er sichtlich die Ermunterungen seiner Anhänger, bevor er seinen Stimmzettel in die Urne gleiten ließ. Beide Kandidaten vermieden jede öffentliche Erklärung nach der Stimmabgabe.
Der konservative Premierminister François Fillon geht nach Angaben der Zeitung "Le Figaro" von einem "50:50-Ergebnis" aus: "Das wird sich an einigen hunderttausend Stimmen entscheiden", meinte er. Auch die Sonntagszeitung "Le Journal du Dimanche" erwartet, dass das Ergebnis weniger deutlich ausfallen wird als bisher von allen Umfrageinstituten angekündigt: "Der Ausgang der Wahl könnte unbestimmt sein". Hollande hatte nach Angaben des "Le Parisien" am Vortag erklärt, dass er 52 Prozent der Stimmen als großen Erfolg ansehen würde. "Schon 50,5 bedeuten den Sieg", sagte der Sozialist, der in Umfragen bisher mit 54 bis 57 Prozent gehandelt wurde.
Sarkozy hatte zuletzt seinen Rückstand verringern können. Eine große Unbekannte bleiben die Anhänger der Kandidaten, die bei der ersten Wahlrunde am 22. April ausgeschieden sind. Diesen Wechselwählern kommt hohe Bedeutung zu.
Die Wahlbeteiligung lag am Mittag mit 30,66 Prozent der Wahlberechtigten deutlich über der ersten Runde, als zur gleichen Zeit 28,2 Prozent der Wähler abgestimmt hatten. Damals lag die Wählerbeteiligung am Ende des Wahltages bei knapp 80 Prozent. Bei der Präsidentschaftswahl vor fünf Jahren hatten zur gleichen Zeit zwar 34,11 Prozent abgestimmt. Doch war damals die Wahlbeteiligung mit knapp 84 Prozent extrem hoch.
Die ersten offiziellen Hochrechnungen werden am Abend um 20.00 Uhr erwartet. Dann schließen die letzten Wahllokale. Bis dahin ist jegliche Veröffentlichung von Prognosen oder Hochrechnungen verboten. Frankreichs Justiz hat exemplarische Strafen für Medien oder Personen angekündigt, die sich über das Gesetz hinwegsetzen. Bei der ersten Wahlrunde am 22. April hatten ausländische Medien Hochrechnungen veröffentlicht, die über die sozialen Netzwerke umgehend auch in Frankreich publik wurden.