Jean Claude-Trichet liest vor Beginn des Eurogruppentreffens eine Zeitung
Für
Jean-Claude Trichet war die Krise ein permanenter Drahtseilakt zwischen Dogmatismus und Pragmatismus. Kurz nach dem Kollaps von Lehman Brothers senkten der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) und seine Kollegen ab Herbst 2008 den Leitzins auf den historischen Tiefstand von 1,0 Prozent. Krisengeschüttelte Banken versorgte die Euro-Notenbank seit dieser Zeit durch eine Vollzuteilung zu festem Zinssatz mit Liquidität.
Doch das Schicksalswochenende im Mai 2010 , an dem die Euro-Regierungen beschlossen, Griechenland zu retten und den Notfonds EFSF zu schaffen, war auch für Trichet ein einschneidendes Datum. Schon kurz zuvor hatte die EZB die Mindeststandards für griechische Staatsanleihen ausgesetzt, die notleidende Hellas-Banken in Frankfurt als Sicherheit im Gegenzug zu Liquidität hinterlegen können. Heute gelten die Ausnahmen auch für Irland und Portugal. Am Wochenende selbst beschloss die Notenbank, am Sekundärmarkt Staatsanleihen aus den Krisenstaaten zu kaufen und so den Kollaps des europäischen Anleihemarkts zu verhindern. In Deutschland wurde Trichet dafür als Brecher des Prinzips gegeißelt, nach dem Staatsschulden nicht monetisiert werden dürfen.
Die EZB betont, dass sie strikt trennt zwischen Zinspolitik, die sich an Preisstabilität orientiert, und Sondermaßnahmen gegen die Krise. Da die Inflationsrate 2011 über dem Notenbankziel von knapp 2,0 Prozent liegt, hat die EZB den Zins seit April auf 1,5 Prozent angehoben - mehr Erhöhungen werden erwartet.
Sehr dogmatisch zeigt sich Trichet jedoch im Streit um die Beteiligung von Privatgläubigern an einem zweiten Griechenland-Paket. Jede Lösung, die zu einem Kreditereignis oder einem Zahlungsausfall führen könnte, lehnt die EZB kategorisch ab. Kommt es dazu, so droht die Notenbank, würde sie Hellas-Anleihen trotz der Ausnahmeregel nicht länger als Sicherheiten akzeptieren. Das würde unweigerlich zum Kollaps des griechischen Bankensystems führen.
Wolfgang Proissl