Seit Ausbruch der Krise stellt sich die Frage der demokratischen Legitimation neu. Wenn Hilfspakete und Rettungsschirme in Milliardenhöhe an einem Wochenende beschlossen werden müssen, besteht die Gefahr, dass Parlamente übergangen und Souveränitätsrechte ausgehebelt werden.
Im Vertrag von Maastricht stand die Nichtbeistandsklausel, also die Regel, dass kein Staat für die Schulden eines anderen haftet. Diese Regel wurde verletzt. Wenn Bürger den Eindruck haben, dass Recht gebrochen wird, hat jede Regierung ein Problem. Ihre Politik ist nicht vermittelbar.
Es ist gut, dass der Bundestag seine Beteiligung an den Entscheidungen für Rettungspakete einfordert. Deutsche Politiker sollten dabei aber keine Ressentiments schüren und nicht alles auf die Frage des Geldes - wer zahlt für wen - reduzieren. Auch bei anderen Entscheidungen, die parlamentarische Kontrollrechte herausgefordert haben, etwa die Auslandseinsätze der Bundeswehr, wurden angemessene Lösungen gefunden.
Im Juli haben Deutschland und Frankreich die Richtung vorgegeben: Sie haben Ansätze einer europäischen Wirtschaftsregierung vereinbart. Europa muss diesen Weg weiter entschlossen gehen. Die alten Regeln des Vertrags von Maastricht haben sich nämlich als ungenügend erwiesen. Es geht nicht um starre Vorgaben für Defizite und Schuldenstände. Keine Drei-Prozent-Grenze kann Ungleichgewichte verhindern, wenn die Euro-Länder ihre Wirtschaftspolitik nicht besser abstimmen. Es mag verwegen klingen, aber alles muss auf den Verhandlungstisch: Steuern, Abgaben, Haushalte.
Eine Fiskalunion kann man nicht über Nacht beschließen. Deshalb braucht Europa eine neue Roadmap, mit Etappen und Zielen - so wie sie 1992 im Vertrag von Maastricht festgelegt wurden, die 1999 in den Euro mündeten. Die Kontrollrechte der EU müssten dafür gestärkt und demokratisch legitimiert werden - vor allem, indem das Europäische Parlament aufgewertet wird.
Es wird dabei nicht nur um Sanktionen und Strafen gehen: Wenn ein Land Europas in die Krise gerät, wird die EU eingreifen. Wenn sich Blasen bilden, eine Region zurückfällt und Banken taumeln - dann wird Europa Alarm schlagen und intervenieren. Ja, es wird dabei auch um Transfers gehen.
Die FTD wird in den kommenden Wochen erneut auf diesen Seiten zur konkreten Ausgestaltung - etwa zu Eurobonds - Position beziehen und ihren Lesern eine Linie aufzeigen.
Uns ist bewusst, dass viele Bürger Angst vor dieser Konzentration an Macht haben. Sie fürchten die "Vereinigten Staaten von Europa". Ihnen müssen Politiker erklären, dass die Alternative ein verhängnisvoller Rückfall wäre. Deutschland ist in der Krise nicht außen vor und immun. Der Absturz der jüngsten Konjunkturdaten, nach den vielen Euro-Gipfeln und dem Börsencrash, sollte wirklich allen ein Warnsignal sein: Wir sind mittendrin.
Eines müssen wir uns bewusst machen: In 20 Jahren werden wir nicht mehr fragen, ob für die Rettung deutsche, holländische oder finnische Steuergelder eingesetzt werden. Es wird vor allem das Geld Europas sein. Es wird gut investiert sein.
Je entschlossener Deutschland nun vorangeht, desto stärker wird Europa - und desto stärker wird dieses Land sein. Europa muss in seiner größten Krise den großen Wurf wagen.