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Merken   Drucken   05.12.2012, 12:37 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Griechenland auf der Quarantänestation

Die Therapie der EU für Athen zeigt Wirkung, auch wenn Griechenland seine Reformen noch zu zaghaft umsetzt. Eine Zwischenbilanz der Krisenpolitik.
© Bild: 2012 DPA/Arno Burgi
Kommentar Die Therapie der EU für Athen zeigt Wirkung, auch wenn Griechenland seine Reformen noch zu zaghaft umsetzt. Eine Zwischenbilanz der Krisenpolitik.
von Frank Geilfuß
 
Frank Geilfuß ist Analyst beim Bankhaus Löbbecke.

Es ist unter anderen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff mit ihrem Buch "Dieses Mal ist alles anders" zu verdanken, dass man uns die gegenwärtige Schuldenkrise nicht mehr als ein neues, nie da gewesenes Symptom angegriffener Staatengesundheit verkaufen kann.

Die menschliche Geschichte ist eine Aneinanderreihung von Zusammenbrüchen dieser Art. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kann für die Mehrzahl der Staaten eine enge Beziehung zwischen steigenden Kapitalzuflüssen und sich daran anschließenden Krisen des Finanzsektors festgestellt werden. So haben sich allein in den letzten 212 Jahren mehr als 300 sogenannte Staatsschuldenkrisen ereignet.

Insbesondere Griechenland hat langjährige Erfahrungen mit diesem Zustand, da es mehr als 100 der letzten 200 Jahre unter entsprechenden Bedingungen lebte. Für Athen ist das also quasi der Normalzustand. Die einbrechende Inlandsnachfrage, Kredite, die nicht mehr bedient werden, Steuern, die weder bezahlt noch eingefordert werden, ein Schuldenstand, der sich weiter in Richtung 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht, statt sukzessive geringer zu werden. All dies spricht entweder für einen Ausstieg aus dem Verbund oder für eine notwendige gesonderte Erholung des Patienten unter den Bedingungen einer Quarantäne.

Nach einer in keiner Weise den Produktivitätsfortschritt widerspiegelnden Lohnentwicklung in den letzten zehn Jahren - vor dem Erkennen erster Krankheitsanzeichen - hatte der Konsum regelmäßig einen Anteil oberhalb von 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, höher noch als in den USA. Die Wettbewerbsfähigkeit und damit die so wichtige Abwehrkraft ging in diesem Umfeld ebenso verloren wie die Glaubwürdigkeit. Für ihre Lebensfähigkeit brauchen interdependente Volkswirtschaften beides, anderenfalls droht unausweichlich die staatliche Insolvenz.

Die Krankenakte Europas

Ein Staatsbankrott ist jedoch nicht zu vergleichen mit der Pleite eines Unternehmens. Auch historisch gab es selten einen Zweifel am Fortbestand der bankrotten Staaten. Die Gläubiger konnten nur in Ausnahmefällen das Vermögen des Schuldners unter sich aufteilen. Allerdings kam es auch äußerst selten zum sogenannten Totalausfall. Schuldenschnitte, Tilgungsstreckungen, administrative Zinsfestlegungen oder genau kalkulierte Teilerlasse sorgten in der Regel für Gesichtswahrung auf beiden Seiten. Deshalb hat das Geschäftsmodell, Staaten Geld zu leihen, nur im unmittelbaren Umfeld von drohenden Zahlungsausfällen tatsächlich gelitten.

Unser gesteigertes Interesse an den Vorgängen in Athen erklärt sich lediglich aufgrund der inzwischen gemeinsamen Währung. Zu spät wurde erkannt, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit innerhalb des gemeinsamen Währungsraums immer heterogener gestaltet, die Divergenzen eher zu- als abgenommen haben. Jede Visite am Krankenbett der griechischen Volkswirtschaft wird deshalb wegen der Ansteckungsgefahren auch zu einer Zustandserkundung der gesamten Euro-Zone.

In einschlägigen medizinischen Nachschlagewerken wird bei Ansteckungsgefahr die Quarantäne als eine "auf die Inkubationszeit befristete, strenge Isolierung" empfohlen. Die aktuelle Behandlung Griechenlands - unter anderem Schutzschirm, Schuldenschnitt, Refinanzierung außerhalb der Marktmechanismen, Reformaufschub - kann wohl nur als eine Art Quarantäne bezeichnet werden, Fristablauf ungewiss. Dabei schien die von der sogenannten Troika aus IWF, EZB und EU verabreichte Krisenmedizin bereits mehrfach Wirkung zu zeigen.

Nach nur wenigen Wochen ließen die Effekte der gewählten Behandlung jedoch wieder zu wünschen übrig, die Lücken der nur halbherzig befolgten Quarantäne wurden offenbar. Die Ansteckung bisher als weniger krank eingeschätzter Bewohner des europäischen Hauses rückte zusätzlich in den Fokus.

Viel zu zaghaft ging Athen die notwendige Umstellung der Rahmenbedingungen an. Oft genug wollte man sich die von internationalen Experten geforderte Diät nicht mehr vorschreiben lassen und verlangte nach einer minimalinvasiven Behandlung. Der Traum von der vermeintlich schnellen Heilung währte jedoch nur kurz, zu offensichtlich waren die negativen Folgen einer drohenden Absetzung aller Medikamente.

Süchtig machende Opiate

Spätestens nach den Schicksalswahlen im Frühsommer war die Zeit für homöopathische Eingriffe und das Laborieren an den Symptomen jedoch unwiederbringlich vorbei. Die Operationen und Medikationen wurden in dieser Kombination noch nie durchgeführt, der Ausgang bleibt zumindest ungewiss, und die Entzugserscheinungen könnten herbe Rückschläge erzeugen.

Europa und Griechenland befinden sich jedoch nur im Streit über die Behandlungsmethode, das Problem ist bekannt und die Diagnose gestellt. Der mindestens ebenso kranke Patient in den USA wartet dagegen noch auf ein Ende des Meinungsstreits der behandelnden Fachleute und die Bestätigung der Kostenübernahme durch den Steuerzahler.

Während man sich in Europa auf eine lange Rehabilitation mit einzukalkulierenden Rückschlägen einrichtet, verabreicht man in den USA zunächst altbewährte Opiate, die den Schmerz kurzfristig betäuben und dem Rekonvaleszenten eine bessere Konstitution vorgaukeln, als tatsächlich vorhanden ist. Je länger der Süchtige mit diesen Drogen ruhiggestellt wird, umso schmerzhafter wird der eines Tages notwendige Entzug. Die Quarantäne könnte angesichts dieser Umstände eines Tages für die gesamte Euro-Zone eine völlig neue Bedeutung als Schutz gegen Bedrohungen von außen erlangen.

  • Aus der FTD vom 05.12.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 06.12.2012 13:15:53 Uhr   WILHER: USA so krank wie Griechenland?

    Die USA so krank wie Griechenland?
    Habe selten so einen Blödsinn gelesen.
    Würde der Finanzmarkt das genauso sehen,
    wäre der Dollar deutlich weniger wert.
    Und genau deshalb ist Griechenland so krank, es hat nicht mal eine eigene Währung, die
    abwerten könnte.
    Griechenland ist ein Opfer auf dem Altar der EURO-Visionäre, irgendwann kommt eine Stimme aus dem Jenseits, die sagt, dass man Länder des Euro wegen nicht opfern dürfe.
    Abraham nahm von der Opferung Isaaks dann Abstand.

  • 05.12.2012 15:49:13 Uhr   Strichnid: Schräge Vergleiche
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