FTD.de » Politik » Europa » Griechenlands Trauma der Fremdbestimmung

Merken   Drucken   22.02.2012, 18:53 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Griechenlands Trauma der Fremdbestimmung

Ein Staatsbankrott wäre für Griechenland keine neue Erfahrung: Ende des 19. Jahrhunderts war das Land schon einmal pleite. Athens historische Krise hält Lehren für die Gegenwart bereit. von Marcell Haag  Frankfurt
Die Wirtschaft liegt am Boden, das Land ist hoch verschuldet, fremde Mächte greifen in den Haushalt ein: Klingt wie Griechenland im Februar 2012? Tatsächlich beschreibt dieses Szenario die Lage im Land Ende des 19. Jahrhunderts.
Griechenlands Ministerpräsident Charilaos Trikoupis erklärte 1893 ...   Griechenlands Ministerpräsident Charilaos Trikoupis erklärte 1893 die Pleite
Im Dezember 1893 muss der damalige Ministerpräsident Charilaos Trikoupis der Weltöffentlichkeit gestehen: Sein Land ist pleite. Zwischen 1879 und 1891 hatte Athen sechs Staatsanleihen aufgelegt.
Doch das im Ausland geborgte Geld floss in einen aufgeblähten Staatsapparat, Griechenland lebte über seine Verhältnisse. "Das Geld wurde mehrheitlich nicht für Investitionen in die Wirtschaft verwendet, sondern für Staatsausgaben wie das Militär", sagt der Ökonom Michalis Psalidopoulos, Professor an der Universität Athen und der US-amerikanischen Tufts-Universität.
Es gibt viele Parallelen zur heutigen Situation. Jedoch stand damals am Ende der Schuldenspirale der Bankrott, denn die anderen Länder Europas halfen zunächst nicht. "Im Gegensatz zu heute gab es damals nicht die Notwendigkeit, Griechenland zu disziplinieren", sagt die Historikerin Korinna Schönhärl von der Universität Duisburg-Essen. "Da es keine gemeinsame Währung gab, konnte das Land die Stabilität in Europa nicht gefährden."
Nach dem Bankrott 1893 begannen Verhandlungen, die sich lange hinzogen. "Die Gläubiger waren verbittert. Es gab ein fünfjähriges Tauziehen, ob und wie Griechenland mit der Rückzahlung beginnt", sagt Psalidopoulos. Schuld an der zähen Einigung waren Schönhärl zufolge vor allem die Deutschen. In Frankreich und Großbritannien habe die Meinung vorgeherrscht, die Gläubiger müssten hohe Einbußen hinnehmen - schließlich hätten sie um das Risiko gewusst. In diesen beiden Ländern hätten die Gläubiger zugestimmt, nur 30 bis 35 Prozent ihrer Investitionen wiederzubekommen. "Die deutsche Regierung dagegen hatte sich von Lobbyisten beeinflussen lassen, die sich standhaft geweigert hatten, einer so niedrigen Einigung zuzustimmen", sagt Schönhärl.
Die Griechen sind jetzt ...

 

Die Griechen sind jetzt ...

Zum Ergebnis Alle Umfragen

Schließlich einigten sich die Gläubigerländer mit den Griechen auf die Einrichtung einer internationalen Kontrollkommission, die aus Vertretern der ausländischen Botschaften bestand. Die Souveränität Griechenlands wurde eingeschränkt, denn die Kommission konnte direkt auf einen Teil der Steuereinnahmen zugreifen. "Die Furcht, fremdbestimmt zu werden, ist eines der großen griechischen Traumata", sagt Schönhärl. "Betrachtet man den Lauf der Geschichte des modernen Griechenlands, hat diese Angst durchaus ihre Berechtigung."
Die Finanzkommission konnte zunächst nur spärliche Erfolge vorweisen. Durch Steuereinnahmen konnte sie zwar die Zinsen bezahlen und Griechenlands Schulden sogar Schritt für Schritt tilgen. Wirtschaftlich kam das Land jedoch zunächst kaum voran. Wegen der hohen Schuldendienste blieben die Investitionen aus: Allein in die Eisenbahn habe der Staat damals investiert, sagt Psalidopoulos. "Das hat zu einer langen Wirtschaftskrise geführt, in der viele Griechen nur den Ausweg hatten, in die USA auszuwandern." Nicht weniger als rund ein Sechstel der griechischen Bevölkerung floh vor den deprimierenden Zuständen. Und das Land kam nicht zur Ruhe: Bei zwei großen Aufständen gab es mehrere Tote. Häufige Regierungswechsel erschwerten einen klaren politischen Kurs.
"Bis 1902 waren die Zustände katastrophal. Der Bevölkerung ging es sehr schlecht. Erst danach wurde es langsam besser", sagt Psalidopoulos. Nachdem Premier Trikoupis den Bankrott erklärt hatte, dauerte es ganze 16 Jahre, bis das Land endlich wieder einen tragfähigen Haushalt hatte. Eine neue Generation von Politikern baute Verwaltung und Finanzen um, brachte den Staatshaushalt in bessere Verfassung. Die griechische Drachme, deren Kurs in den Keller gestürzt war, wertete gegenüber dem französischen Franc und der Reichsmark wieder auf.
Was sind die Lehren aus Griechenlands Erfahrung? Für Psalidopoulos wäre ein jahrelanges Spardiktat heute keine Lösung, denn damals sei der Preis zu hoch gewesen: Unruhen, politische Instabilität, Armut und Emigration. "Es muss eine richtige Mischung aus Konsolidierung der Staatsfinanzen und Wachstum der Wirtschaft gefunden werden", sagt er.
Für die Gläubiger allerdings zahlte sich die damalige Lösung aus: Die Kontrollkommission überwies ihnen Zins und Tilgung - bis zum Einmarsch der Deutschen im Zweiten Weltkrieg.
  • FTD.de, 22.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Pläne zur Einlagensicherung: Für die Kanzlerin ein Angebot zur Güte

    Die Bundeskanzlerin lehnt Eurobonds kategorisch ab. Vielleicht könnte sie den Plänen zu einer europäischen Einlagensicherung eher zustimmen? Das Vertrauen in die Banken würde steigen. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

  26.05. Der Test zu Pfingsten Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Wann gilt ein bundesweites Tanzverbot? Existiert ein offizieller Vatertag? In Deutschland gibt es viele gesetzliche und kirchliche Feiertage: Was wissen Sie darüber?

An welchem Feiertag gilt ein gesetzliches Tanzverbot in Deutschland?

Der Test zu Pfingsten: Kennen Sie sich mit Feiertagen aus?

Alle Tests

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote