Bislang gehört ein Haircut nicht zum offiziellen Vokabular der Verantwortlichen. Euro-Gruppenchef Juncker bricht das Tabu: Er hält einen Forderungsverzicht für denkbar. 50 oder 60 Prozent? "Wir reden über mehr."
Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker hat einen Haircut von mehr als 60 Prozent für Griechenland als denkbare Lösung ins Gespräch gebracht. "Ich schließe einen Schuldenschnitt nicht aus. Aber man sollte nicht denken, dass es einfach reicht, einen brutalen Schuldenschnitt in Griechenland vorzunehmen. Man muss dafür Sorge tragen, dass dies nicht zu Ansteckungsgefahren in der Euro-Zone führt", sagte Juncker am Montagabend dem österreichischen Fernsehsender ORF.
Schuldenlast
Auf diese Staatspleiten wettet der Markt
Zum genauen Umfang des Betrags, den die griechischen Geldgeber bei einem Haircut verlieren würden, wollte sich der luxemburgische Ministerpräsident nicht konkret äußern. Niemand dürfe allerdings denken, dass 50 bis 60 Prozent genügen würden. "Wir reden über mehr", sagte Juncker. Für den Umgang mit einer Krise solchen Ausmaßes gebe es keine historische Erfahrungen.
Juncker übte auch Selbstkritik in Bezug auf das Krisenmanagement der Euro-Staaten. Die politische Führung in der Krise sei nicht optimal gewesen. "Wir waren nicht schnell genug." Die Finanzmärkte könnten rascher reagieren. Juncker forderte eine bessere Abstimmung in der Finanz- und Haushaltspolitik.
Der Luxemburger nimmt damit exakt die Position Deutschlands ein. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) änderte ihre Haltung in der Frage eines Schuldenschnitts und drängt ihre EU-Partner zu einem umfangreichen Schritt dieser Art. "Wir setzen uns dafür ein", hatte es in Regierungskreisen am Sonntag geheißen kurz vor einem Treffen Merkels mit Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy in Paris. Offiziell wird das nicht bestätigt. Die FTD hat allerdings sichere Informationen, dass Merkel ihre Zurückhaltung aufgegeben hat.
Frankreich steht einem Schuldenschnitt skeptisch gegenüber, weil die Banken des Landes noch immer viele griechische Staatsanleihen halten und wohl weit mehr Milliarden abschreiben müssten als deutsche Institute. Merkel und Sarkozy erklärten nach ihren Beratungen, sie wollten bis Ende Oktober ein Gesamtkonzept zur Lösung der Schuldenkrise vorlegen. Daraus werde sich "eine dauerhafte Lösung für Griechenland als Teil des Euro-Raums" ergeben.
Auch der Präsident der EU-Kommission, Jose Manuel Barroso, gab sich kritisch. In der "Bild"-Zeitung sagte er, die Euro-Länder hätten bei der Aufnahme Griechenlands in den Euro-Raum "massiven politischen Druck" auf die EU-Kommission ausgeübt und Sanktionen gegen Schuldenländer verhindert.
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