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Merken   Drucken   23.05.2012, 20:36 Schriftgröße: AAA

Schuldenkrise: Pro und Kontra Eurobonds

Die Debatte über gemeinsame Euroland-Staatsanleihen treibt einen Keil zwischen François Hollande und Angela Merkel. Auch die FTD-Redakteure André Kühnlenz und Matthias Pindter vertreten unterschiedliche Ansichten.

Ohne gemeinsame Anleihen endet diese Krise nie - und der Euro überlebt nicht

André Kühnlenz ist FTD-Redakteur für Anleihemärkte.

Ein Mann blickt auf eine Euro-Münze   Ein Mann blickt auf eine Euro-Münze

Für viele Deutsche und ihre Regierung sind sie Teufelszeug schlechthin. Mit Eurobonds würden Deutschland, Finnland und die Niederlande für immer einspringen müssen, wenn Griechen, Italiener oder Spanier wieder einmal über ihre Verhältnisse gelebt haben, so fürchten die Kritiker der Gemeinschaftsanleihen. Nicht nur ein Rechtsbruch, sondern eine gewaltige Schuldenlawine drohe, sagen sie. Bis Europa im Inflationssumpf versinkt.

Denn wenn schon alle gemeinsam Geld von Investoren borgen, dann haften eben auch alle für alle. Doch die Zeiten der einfachen Antworten sind für diejenigen, die den Euro noch retten wollen, längst vorbei. Befürworter und Gegner sollten sich eins klar machen: Es gibt nur einen einzigen Grund, der für Eurobonds spricht.

Die Geschichte hat es oft genug gezeigt: Leihen sich Regierungen, Unternehmen und Haushalte frisches Geld nur noch in einer Währung, die von einem fremden und mächtigen Staat kontrolliert wird, dann ist das Land bereits dem Untergang geweiht. Die Argentinier haben es vor mehr als zehn Jahren schmerzvoll erlebt, diese Erfahrung haben auch die vormals als Tigerstaaten Asiens bekannten Länder zuvor durchgemacht.

Wie die Schwellenländer damals gestürzt sind, so versinken heute die südlichen und westlichen Euro-Länder in der Krise. Es passiert immer auf die gleiche Art: Erst fallen ausländische Banken, Fondsgesellschaften oder eher zweifelhafte Investoren in die Länder ein und überschütten sie mit billigen Darlehen. Wenn die Blase platzt, fliehen sie in Panik. Nach uns die Sintflut, so endete bisher noch jeder überschäumende Kreditboom.

Nur sind die Übertreibungen keine Frage der Moral, sind doch Herdentrieb und Konkurrenz das Lebenselixier einer kapitalistischen Marktwirtschaft. Selbst dann nicht, wenn wir uns erinnern, dass es gerade deutsche Banken waren, die den Süden und Westen des Eurolands bis zur Krise mit dem Ersparten der Deutschen nur so überhäuft haben. Genau die Länder, die daraufhin wie die Lemminge in Richtung Klippe losmarschierten.

Jetzt müssen wir verhindern, dass die Krisenstaaten von der Klippe springen, jetzt, da auch noch das Hinterland in Flammen steht. Ein Griechenland ist mehr als genug!

Eurobonds helfen dabei den Absturz, die Kapitalflucht zu stoppen, die in Spanien und Italien derzeit wieder eskaliert. Erleben wir nicht gerade, dass Banken und Investoren ihre Gelder am liebsten nur noch nach Deutschland scheffeln, wo die Bundesregierung kaum noch Zinsen für neue Schulden zahlt? Derweil steigen die Zinsen für Rom und Madrid - und kein Ende ist in Sicht.

Geht es nach der Bundesbank brauchen wir jedoch erst eine Fiskalunion, bevor wir Eurobonds einführen sollten. Nur wenn die größten Schuldenstaaten immer unter demokratische Kontrolle aller Euro-Länder gestellt werden können, sei an Eurobonds zu denken.

Eigentlich ein feiner Plan der Stabilitätswächter. Er verhindert, dass am Ende immer nur die Deutschen die Rechnung zahlen müssen. Möglich, dass das Kalkül sogar aufgeht, das sie in Berlin und Frankfurt im Kopf haben. Nur leider wird die Zeit dafür nicht mehr reichen. Eine Lösung muss bis zum Sommer her, sonst überlebt der Euro den Herbst nicht mehr.

Dabei können Eurobonds schneller kommen als gedacht. Ökonomen wie Markus Brunnermeier oder Yanis Varoufakis haben Varianten entworfen, die zügig und sogar ohne Vertragsänderungen eingeführt werden können. Der Clou dabei: Die Deutschen müssen nicht einmal für andere haften. Der Volkswirt Paul de Grauwe hat zudem ein Gebührenmodell entwickelt. Es verhindert, dass alle Staaten den gleichen Zins zahlen müssen - egal ob sie zuvor hohe oder niedrige Schulden angesammelt haben.

Klar ist, ohne Eurobonds wird Euroland nicht zur Ruhe kommen. Wenn Europa in Zukunft noch eine Rolle in der Welt spielen will, dann sollten alle über ihre Schatten springen. Es könnte sich lohnen.

Euroland-Anleihen setzen falsche Anreize und zerstören die Reformwilligkeit

Matthias Pindter ist Autor der FTD-Kolumne "Das Kapital"

Euro vor EZB   Euro vor EZB

Es ist erstaunlich genug, dass überhaupt so viel über die Heilswirkung von Eurobonds diskutiert wird. Erstens, weil ihre Konsequenz, eine Transferunion, in Deutschland seit Jahrzehnten zeigt, dass sie aufgrund falscher Anreize Strukturunterschiede zementiert statt nivelliert. Zweitens, da es de facto Eurobonds - beinah einheitliche Zinsen - bereits zehn Jahre lang in Europa gab. Mit jenen Folgen, die Europa nun belasten. Und drittens, da Eurobonds geltende Europa- und Länderrechte brechen. Doch Gesetze kann man ändern, das wäre also lösbar, könnten parlamentarische oder wo nötig gar nationale Mehrheiten dafür gewonnen werden.

Womit wir beim großen Missverständnis der Eurobonds wären: Dass sie nur ein finanzmathematisches, ein Kapitalmarktproblem adressierten. Doch sie sind zuerst ein politisches Thema. Sämtliche Modelle, die belegen wollen, wie auch bonitätsstarke Länder von ihnen profitieren, kann man wie ihre Vorgänger vergessen. Wenn es nicht direkt oder indirekt - und sei es "nur" über das zur Verfügung stellen der Bonität - auf eine Transferunion hinausläuft, wird es die Kapitalmärkte eh nicht interessieren.

Dass es sich bei Eurobonds um eine politische Frage der Umverteilung handelt, sieht man daran, welche Parteien nach ihnen rufen: die bonitätsschwachen Länder - aus ihrer Sicht natürlich verständlich. Teile der deutschen Volkswirte und Opposition schließen sich diesen Forderungen an, was man nur damit erklären kann, dass sie nicht in der politischen Verantwortung sind. Denn dann muss man Realpolitik betreiben. Realität bedeutet: Die Reformwilligkeit kommt ohne Druck zum Erliegen - ob in Griechenland oder in Deutschland. Der Anreiz zur Veränderung schwindet, wenn man sich auf externe Hilfe verlassen kann. So wie auf niedrige Zinsen trotz desolater Haushaltslage.

Nichts - und das bleibt das Hauptargument gegen Eurobonds - ist so wirkungsvoll, kann Ideen und Geld so schnell lenken, wie Sanktionsmechanismen und Anreizsysteme. Wenn man Sanktionsmechanismen wie den Marktzins jedoch ausschaltet - die politischen Regeln haben sich ja als wirkungslos erwiesen - , und Anreizsysteme verwässert, bleibt es nur beim Status quo.

Und der ist, zurück zur Realpolitik, den Wählern schwer vermittelbar: ein gegenüber der solide geführten Slowakei dreimal so hoher Mindestlohn in Griechenland. Ein Immobilienpreisniveau, das in Großstädten von sehr liquiden Käufern aus den Peripherieländern nach oben getrieben wird. Eine Politikerbesoldung etwa in Italien, die weit über deutschem Niveau liegt. Dünn besiedelte Landstriche in Spanien, die ein besseres Straßennetz als der Ruhrpott ausweisen.

Anekdoten zwar nur, doch von ihnen gibt es genug, um beim Wähler die Bedeutung der oft bemühten Solidarität zu hinterfragen. Aber zu solchen moralischen Keulen müssen die Befürworter der Eurobonds regelmäßig greifen, da natürlich auch sie genau wissen, dass es um Umverteilung geht. Es kumuliert regelmäßig in dem Vorwurf, Deutschland - oder die Troika - dürfe der Peripherie keine weiteren Spardiktate aufzwingen.

In diesem Satz ist vieles falsch. Verdient alleine eine Reduzierung des Budgetdefizits auf einen mittleren einstelligen BIP-Prozentsatz wirklich das Prädikat Totsparen? Wer zwingt überhaupt wem was auf? Wohl eher die durch eigenes Verschulden sich ihrer Handlungsfähigkeit beraubten Peripherieländer den relativ solventen Ländern ihre Zahlungsunfähigkeit.

Es ist dreist, die Peripherie als Opfer deutscher Politik darzustellen. Wie gern würde sich Letztere aus der Innenpolitik der Peripherie heraushalten. Doch (Teile der) Peripherie sehen sich ja nicht in der Bringschuld, Lösungen zu präsentieren. Und das wird erst recht der Fall sein, steckt man gemeinsam unter der kuscheligen Eurobond-Decke. Unter die kann man nur gehen, wenn die nationalen Parlamente ihr Budgetrecht an Europa abtreten. Ansonsten werden falsche Anreize zementiert, welche die Tragfähigkeit ganz Europas gefährden.

  • Aus der FTD vom 24.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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