Vor seinem Urlaub hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schaeuble einen Ratschlag an seine Kabinettskollegen ausgegeben, um die bisweilen übernervöse Debatte in der Schuldenkrise nicht weiter zu befeuern: Es müsse alles vermieden werden, was Unruhe und weitere Spekulationen auslösen könne, lautete seine Devise. Nun ist es Schäuble selbst, der Anlass zu Spekulationen gibt.
Zunächst wurde ein Treffen des Ministers mit seinem US-Kollegen Timothy Geithner bekanntgegeben - und das sollte nicht irgendwo stattfinden, sondern in Schäubles Urlaubsdomizil auf Sylt. Beratungen im Urlaub - das allein schon vermittelt den Eindruck von Dringlichkeit und Krise. Jedenfalls nicht den von Beruhigung. Dass zunächst angekündigt wurde, nach dem Treffen werde es eine "Presseunterrichtung" geben, steigerte die Erwartung an konkrete Ergebnisse des Treffens.
Besonders hoch lagen die Erwartungen bei denen, die Schäuble kennen. Denn der CDU-Politiker ist niemand, der für seine übermäßige Freude an Pressekonferenzen zu für ihn unpassenden Gelegenheiten - von denen es nach seiner Meinung viele gibt - bekannt ist. "Sie wissen doch, zu Wegelagerei eigne ich mich nicht", grummelt er dann schon mal unwillig als Antwort auf eine schnelle Frage am Rande. Diese Abneigung gilt noch gesteigert für seinen Urlaub, den der Minister traditionell gerne auf Sylt verbringt. "Mich nicht zu sehr von Journalisten behelligen zu lassen", nennt er denn auch in einem Interview als Vorsatz für die nächsten Tage.
Vielleicht erinnerte er sich an diesen Vorsatz, jedenfalls sagte Schäubles Ministerium den Pressetermin nur Stunden nach dessen Bekanntgabe wieder ab und stellte lediglich eine gemeinsame schriftliche Erklärung nach der Begegnung am Montag in Aussicht. Natürlich dürfte diese Wendung ebenfalls gegen das Credo des Ministers verstoßen, alles zu tun oder zu lassen, das Spekulationen und Unsicherheit nährt.
Das Treffen mit Geithner ist offenkundig sehr kurzfristig zustande gekommen. Dass die US-Regierung besorgt ist, die Euro-Krise könnte außer Kontrolle geraten und am Ende auch die US-Konjunktur just im Wahljahr spürbar in Mitleidenschaft ziehen, haben Geithner und US-Präsident Barack Obama mehrfach sehr deutlich gemacht, nicht zuletzt beim G8-Gipfel in den USA.
Dass der US-Minister nun nach Sylt eilt, um aus erster Hand Erklärungen zu erhalten, zeigt, dass auch jenseits des Atlantik die Nervosität steigt und nährt die Vermutung, dass Geithner womöglich Konkretes im Gepäck hat - vielleicht in Form von Forderungen an die Europäer, oder auch als Vorschläge.
Auch im Bundeskanzleramt betrachtet man die wachsende Unruhe mit Sorge. Eigentlich, so hört man auch hier, ist vor dem Urlaubsbeginn der Kanzlerin das Motto ausgegeben worden, weitgehende Ruhe bis zum September zu halten, bis der Krisenbekämpfungs-Apparat wieder so richtig in Schwung kommt. Doch das hat sich bereits erledigt, zumal auch mit Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler ein Regierungsmitglied nicht müde wird, beständig seine Skepsis etwa in der Frage eines Verbleibs Griechenlands in der Euro-Zone zu bekunden.
Schon das auf französischen Wunsch zustande gekommene Telefonat von Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande am Freitag hatte neue Spekulationen an den Märkten ausgelöst, es könnten konkrete Entscheidungen für noch mehr Krisenhilfen, etwa über Anleihenkäufe, anstehen. Die Versicherung der beiden, sie seien entschlossen, "alles zu tun, um die Euro-Zone zu schützen", war Wasser auf diese Mühlen. Am Sonntag folgte ein weiteres Telefonat ähnlichen Inhalts: Kanzlerin Merkel beriet mit dem italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti über die Lage in der Euro-Zone. Bei dem Gespräch am Samstag seien sich beide einig gewesen, "dass Deutschland und Italien alles tun werden, um die Euro-Zone zu schützen", teilte ein Regierungssprecher am Sonntag in Berlin mit.
Dass Schäuble auf Sylt zum Lesen von "ein paar Büchern" kommt, dass er "den Kopf frei" kriegt von der Euro-Krise und Zeit findet, viel Handbike zu fahren, wie er selbst erzählte, scheint jedenfalls fraglich. Vielleicht gibt die gemeinsame Erklärung mit Geithner ja Antworten auf die schwirrenden Spekulationen.