Dafür, dass Angela Merkels Reise nach Athen ein ganz normaler Besuch unter guten europäischen Regierungschefkollegen sein soll, fällt die Reiseplanung ungewöhnlich aus. Selbst einen Tag vor dem Abflug wollte ihr Sprecher nicht offenbaren, wie sich die Kanzlerin an diesem Dienstag durch die griechische Hauptstadt bewegen will und wann sie wen wo treffen wird. Es seien Gespräche mit Ministerpräsident Antonis Samaras, Staatspräsident Karolos Papoulias und mit Unternehmern geplant, sagte Steffen Seibert, die "genaue Abfolge der Programmpunkte" sei aber noch offen. Oder streng geheim - so richtig klar wurde das am Montag nicht. Fest stand nur: Am Dienstagvormittag wollte Merkel losfliegen, um am späten Abend wieder zurück zu sein. Am Morgen tickerten die Nachrichtenagenturen dann um kurz vor 10 Uhr: Merkel nach Athen abgeflogen.
Zur Vorsicht haben die Regierungen in Berlin und Athen allen Anlass, immerhin ist Merkel bei vielen Griechen eine veritable Hassfigur. Sie machen die deutsche Regierungschefin für praktisch alle akuten Probleme des Landes verantwortlich, für den wirtschaftlichen Niedergang ebenso wie für die horrende Arbeitslosigkeit und für die faktische Entmündigung der eigenen Regierung, die in ihren Augen zu immer neuen Sparprogrammen von den internationalen Geldgebern genötigt wird.
"Athen gleicht einer Festung", titelte die Tageszeitung "Ta Nea" am Montag. 7000 Polizisten bietet die Regierung für sieben Stunden Kanzlerbesuch auf. Dabei muss Samaras nicht nur akute Ausschreitungen gegen Merkel befürchten - angesichts weiterer herber Einschnitte in den Staatshaushalt erwartet ihn ohnehin ein heißer Herbst. Merkels Besuch ist nur der Auftakt.
"Wir werden Merkel begrüßen - friedlich, aber mit Schockwirkung", kündigte Alexis Tsipras, der linksradikale Oppositionsführer, an. Merkel solle die geschlossenen Läden in der Stadt sehen und die Griechen in den Krankenhäusern, wo mittlerweile 40 Patienten mit einer Krankenschwester auskommen müssen, meinte er. Athens Stadtzentrum wird während des Besuchs zu einer großen Demonstrationszone. Sowohl auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament als auch auf dem Omonia-Platz zehn Gehminuten weiter sind für den Mittag Protestkundgebungen gegen die Kanzlerin geplant.
Um den "schwarzen Block" der gewalttätigen Demonstranten aus dem Anarchistenviertel Exarchia besser zu kontrollieren, bleiben gleich vier U-Bahn-Stationen im Zentrum geschlossen. Die Molotowwerfer müssen so auf ihrem Weg zum Syntagma-Platz die Straßen benutzen und können somit leichter von der Polizei gestoppt werden. An Massen bei den Anti-Merkel-Demos wird es dennoch kaum fehlen. Schon seit Tagen rufen die großen Gewerkschaften des öffentlichen Dienstes und der privaten Wirtschaft zu Streiks auf. Sollten gar erneut die Fluglotsen ihre Arbeit niederlegen, hätte Merkel ein echtes Problem. Dann müsste die Regierungsmaschine aus Berlin wieder abdrehen.
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Dennoch: Kein Regierungschef eines großen EU-Staats hat es in drei Jahren akuter Finanzkrise bisher nach Athen geschafft. Ausgerechnet Merkel macht den Anfang. In das jahrelang aufgebaute Bild der Griechen von der unerbittlichen Zuchtmeisterin mischt sich daher auch ein bisschen Anerkennung. "Willkommen, aber ...", stand auf der Titelseite von "Ta Nea" auch schon auf Deutsch. Eine Karikatur zeigt sie zwar wieder mit Stahlhelm. Aber wenigstens sitzt er diesmal salopp schief auf dem Kopf und statt der üblichen Springerstiefel und Naziuniform trägt Merkel einen Reisekoffer. In dem liegt allerdings auch der nächste Tagesbefehl zum Sparen.
Ob Merkel von der aggressiven Stimmung überhaupt etwas mitbekommt, ist ungewiss. So könnte sie längere Wege etwa vom Flughafen in die Innenstadt auch mit dem Hubschrauber zurücklegen. Und eine Begegnung mit Gewerkschaftern oder mit der "Zivilgesellschaft", wie normale Bürger im Berliner Beamtendeutsch heißen, ist nicht geplant. So könnten auch Merkels eigene Sicherheitsbeamte doch noch einen überraschend ruhigen Ausflug erleben. Immerhin sollen diesmal deutlich mehr Leibwächter die Kanzlerin begleiten als sonst bei Staatsbesuchen, meldete die "Bild"-Zeitung. Doch natürlich wollte der Regierungssprecher auch diese Meldung nicht kommentieren. Es soll schließlich alles ganz normal aussehen an diesem Dienstag in Athen.
| Merkels No-Go-Areas |
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| Syntagma-Platz Auf dem zentralen Platz in Athen vor dem Parlament haben die Gewerkschaften GSEE und Adedy zu Massenkundgebungen aufgerufen. Auch die Anhänger der linksradikalen Syriza-Partei wollen teilnehmen. |
| Omonia-Platz Nur wenige Gehminuten vom Syntagma-Platz entfernt plant die kommunistische Gewerkschaft Pame Proteste. |
| Kolonaki Die rechtspopulistische Partei der Unabhängigen Griechen will eine Menschenkette vor der deutschen Botschaft im Stadtteil Kolonaki bilden. |