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Merken   Drucken   05.10.2004, 13:02 Schriftgröße: AAA

Stichwort Türkei: Daten und Fakten

Außer Deutschland hat kein anderes europäisches Land so viele Einwohner wie die Türkei. Trotzdem reicht das Wirtschaftswachstum nicht annähernd an den europäischen Durchschnitt heran.
Journalisten fotografieren das Geschehen im türkischen Parlament   Journalisten fotografieren das Geschehen im türkischen Parlament
Wirtschaft
Die türkische Volkswirtschaft erwirtschaftete 2003 ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 373,9 Mrd. Euro, das sind 5468 Euro pro Kopf. Deutschland erwirtschaftete im gleichen Jahr 2115,45 Mrd. Euro, das entspricht 25.800 Euro pro Kopf. Der Anteil der Landwirtschaft am türkischen BIP liegt bei 13 Prozent, der der Industrie bei 25 Prozent und der der Dienstleistungen bei 62 Prozent. Über 40 Prozent der Beschäftigten arbeiten in der Landwirtschaft. In der EU sind es durchschnittlich 5,4 Prozent.
2000 und 2001 erlebte die Türkei eine verheerende Wirtschaftskrise, mit sinkendem BIP, über 80-prozentiger Inflation und einbrechenden Börsenkursen. Durch das im Februar 2005 auslaufende Standby-Abkommen des Internationalen Währungs-Fonds (IWF) mit konditionierten Neuzusagen von 12 Mrd. $ umfasst das IWF-Gesamtprogramm für die Jahre 2000-2004 Kredite von insgesamt 31 Mrd. $. Die Weltbank stellte seit 2000 im Rahmen zweier Dreijahresstrategien bis zu 10,7 Mrd. $ zur Verfügung. Zusätzlich könnte die Türkei auf ein US-Kreditangebot von 8,5 Mrd. $ zurückgreifen.
Seit einem Regierungswechsel vor zwei Jahren sind die Signale der türkischen Wirtschaft überwiegend positiv: Anhaltendes Wachstum, Exportboom, fortgesetzter Inflationsabbau, Ende der Lira-Schwäche, schnelle Überwindung der Irak-Krise im Tourismussektor, Senkung der Zinsen für Inlandsschulden (Realzins allerdings immer noch bei ca. 15 Prozent) und erleichterter Auslandsschuldendienst. Auch die öffentliche Verschuldung (über 200 Mrd. $) sank. Der weitere Aufschwung und Abbau der Schuldenlast hängt stark von der EU-Beitrittsperspektive ab.
Die OECD prognostiziert für 2004 und 2005 ein Wirtschaftswachstum von über fünf Prozent. Ein Euro sind etwas mehr als 1,8 Mio. Türkische Lira (TRL).
Politisches System
Die Türkei ist seit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und der Staatsgründung durch Mustafa Kemal genannt "Atatürk" 1923 eine laizistische Republik. Nach der Verfassung von 1982 wird alle fünf Jahre das Parlament, die "Türkische Große Nationalversammlung" mit etwa 550 Abgeordneten, gewählt. Die Parteien müssen mehr als 10 Prozent der Stimmen gewinnen, um ins Parlament einzuziehen. Das Staatsoberhaupt, der Präsident, wird vom Parlament auf sieben Jahre gewählt. In der Türkei herrscht Wahlpflicht für alle über 18-Jährigen.
Seit 1952 ist die Türkei Mitglied der Nato und seit 1963 assoziiertes Mitglied der Europäischen Union. 1996 trat sie der EU-Zollunion bei. Seit Jahrzehnten strebt sie eine Vollmitgliedschaft in der EU an. Die Türkei ist Mitglied der Vereinten Nationen (seit 1945), im Europarat (seit 1952), in der OECD (seit 1948) und in der Organisation Islamische Konferenz (OIC, 1969).
Die vorgezogenen Parlamentswahlen am 3. November 2002 führten zu einer grundlegenden Veränderung der innenpolitischen Lage. Fast alle Parteien, die bisher das politische Leben bestimmt hatten, kamen nicht mehr ins Parlament. Eindeutiger Wahlsieger waren die gemäßigten Islamisten unter Parteichef Racip Tayyip Erdogan, dem ehemaligen Bürgermeister von Istanbul. Mit ihrer "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) errangen sie auf Anhieb die Zweidrittel-Mehrheit mit 362 Sitzen. Dank der Zehn-Prozent-Hürde genügten ihnen dafür 34,20 Prozent der Stimmen. Von den alten Parteien schaffte nur die sozialdemokratische CHP mit 19,49 Prozent den Einzug ins Parlament (179 Sitze).
Staatspräsident und damit offizielles Oberhaupt der Türkei ist Ahmet Necdet Sezer. Ministerpräsident Erdogan ist Regierungschef, sein Parteikollege Abdullah Gül wurde Außenminister.
Militär
Türkische Flugzeuge am strahlend blauen Himmel   Türkische Flugzeuge am strahlend blauen Himmel
In der Türkei besteht eine allgemeine Wehrpflicht von bis zu 15 Monaten. Die Militärausgaben machten 2003 5,3 Prozent des Bruttosozialproduktes aus (Vergleich Deutschland: 1,5 Prozent). Seit 1984 bekämpft die Armee den bewaffneten Aufstand der kurdischen Arbeiterpartei PKK in Südostanatolien. Türkische Soldaten stehen seit 1974 in der international nicht anerkannten "Türkischen Republik Nordzypern". Etwa 1400 Mann sind in der internationalen Schutztruppe Isaf in Afghanistan stationiert.
Die türkische Militärführung sieht sich traditionell als Wächterin der laizistischen Ideale des Staatsgründers Atatürk ("Kemalismus"). Mehrfach - zuletzt 1982 - ergriffen die Generäle vorübergehend die Macht. Zuletzt sorgte der Generalstab 1997 für die Absetzung des islamistischen Regierungschefs Necmettin Erbakan.
Bevölkerung
In der Türkei leben 69 Mio. Einwohner. Die Bevölkerung wächst jährlich um etwa 1,5 Prozent. 70 Prozent der Einwohner sind Türken, 20 Prozent Kurden, 2 Prozent Araber, 0,5 Prozent Tscherkessen und 0,5 Prozent Georgier. Daneben gibt es diverse andere ethnische Gruppen und Nationalitäten wie Armenier, Griechen, Assyrer, Bosnier, Albaner, Lasen. Von den Staaten der Europäischen Union hat nur Deutschland mehr Einwohner. Im Durchschnitt bekommt jede Türkin 2,2 Kinder (in Deutschland sind es 1,4 Geburten pro Frau). Fast ein Drittel der Türken ist jünger als 15 Jahre.
99 Prozent der türkischen Bevölkerung bekennen sich zum Islam. Davon sind etwa 80 Prozent Sunniten, die restlichen 20 Prozent Aleviten. Außerdem leben in der Türkei etwa 125.000 Christen und 23.000 Juden. Das Prinzip des Laizismus schreibt eine strenge Trennung von Religion und Staat vor. Die Verfassung von 1982 beschränkt die Glaubensfreiheit auf das Individuum. Religionsgemeinschaften können keine Rechte geltend machen. Diese Haltung resultiert aus der herrschenden Ideologie des Kemalismus in den türkischen Elite. Es zeigen sich jedoch Tendenzen, dass sich diese Haltung abschwächt.
Soziales
Der Anteil der städtischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung beträgt rund 74 Prozent. Die Lebenserwartung liegt in der Türkei bei 72,08 Jahren. Männer werden durchschnittlich 69,68 Jahre, Frauen 74,61 Jahre alt.
In der Türkei haben Frauen schon seit 1935 (je nach Quelle auch 1934) das Recht zu wählen - zum Vergleich: Französinnen genießen dieses Recht erst seit 1945.
Es besteht allgemeine Schulpflicht vom 6. bis 14. Lebensjahr. Im Jahr 2000 waren ungefähr sechs Prozent der Männer und 18 Prozent der Frauen Analphabeten.
Geographie
Die "Republik Türkei" (Türkiye Çumhuriyeti) erstreckt sich über zwei Kontinente. Mit einer Fläche von 779.452 Quadratkilometern ist sie mehr als doppelt so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. Der größte Teil des türkischen Staatsgebiets mit etwa 97 Prozent liegt auf dem asiatischen Kontinent. Lediglich 23.623 Quadratkilometer liegen auf dem europäischen Festland, die Fläche ist damit etwas größer als das Bundesland Hessen. Dieser Teil der Türkei wird auch als Thrakien bezeichnet, der asiatische Landesteil heißt Anatolien. Insgesamt ist das Land in 81 Provinzen gegliedert.
Die Türkei besitzt einen 7200 km langen Küstenstreifen. Im Westen liegt das Ägäische Meer, im Süden das Mittelmeer und im Norden das Schwarze Meer. Die Landgrenzen der Türkei haben insgesamt eine Länge von 2.648 km. Im Nordwesten grenzt sie an Griechenland und Bulgarien, im Nordosten an Georgien, Armenien, Aserbaidschan, im Osten an den Iran und im Süden an den Irak und Syrien.
Die bevölkerungsreichste Stadt des Landes und das kulturelle Zentrum ist Istanbul (8,8 Mio. Einwohner). Die Stadt liegt überwiegend im europäischen Teil der Türkei. Die zweitgrößte und Hauptstadt des Landes ist das im anatolischen Hochlandes gelegene Ankara ( 3,2 Mio. Einwohner), weitere Millionenstädte sind Izmir (2,2 Mio.) und Bursa (1,2 Mio.).
Medien
Die türkische Medienlandschaft wird durch zahlreiche staatliche Radio- und TV-Sender und einige Medienkonzerne geprägt. Die Medienkonzerne unterhalten viele Radio und TV-Sender, daneben auch zahlreiche Tages- und Wochenzeitungen mit vergleichsweise geringer Auflage. Einflussstärkste und zugleich auflagenstärkste Zeitungen sind Sabah, Hürriyet , Milliyet, Cumhuriyet und Türkiye.
EU-Beitrittsbestrebungen
Seit 1964 ist die Türkei mit der EU assoziiert. Nachdem die EU 1989 einen Antrag der Türkei auf Vollmitgliedschaft abgelehnt hatte, bekam die Türkei am 11. Dezember 1999 offiziell den Beitrittskandidaten-Status zuerkannt. Auf dem Gipfel von Kopenhagen 2002 setzte die EU fest, dass im Dezember 2004 über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen entschieden wird. Dazu muss die Türkei die Kopenhagener Kriterien erfüllen.
Ein wichtiger Grund für diesen Sinneswandel war der Beginn umfassender Reformen. Unter anderem schuf die Regierung unter Erdogan die Todesstrafe auch in Kriegszeiten ab, verbot die Folter, beendete die Straffreiheit für Polizisten. Sie erließ die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit und Maßnahmen gegen die Unterdrückung der kurdischen Minderheit. Seitdem ist der freie Gebrauch der kurdischen Sprache, Kurdischunterricht und kurdische Radio- und Fernsehkanäle wieder erlaubt.
Quellen: CIA, Auswärtiges Amt, Spiegel-Online, Wikipedia
  • FTD.de, 05.10.2004
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