Streber-Check: Die Finnen haben Erfolg - obwohl sie gar nicht als Prototyp großer Reformen bekannt sind
In den späten 90er Jahren wuchs die Wirtschaft im Schnitt um fast fünf Prozent; seit 2001, als andere Länder in die Rezession rutschten, sind es immer noch 2,5 Prozent - gut viermal so viel wie in Deutschland.
Schon seit den 80er Jahren erfindet Finnland sich neu - und das mit System und Konstanz. Hektische Bildungsreisende würden daher bei dem Versuch scheitern, das Vorbild auf die Schnelle zu kopieren.
Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem einst wichtigsten Handelspartner des 5,2-Millionen-Volks, wurde nicht nur durch Deregulierung der Boom der Telekommunikation erleichtert. Regierung, Universitäten, Betriebe und Verwaltung verfolgen vielmehr eine gemeinsame Aufgabe: die Förderung neuer Technologien. Der Staat gibt seit zehn Jahren für Forschung und Entwicklung (FuE) über drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus - obwohl die Etatdefizite in den 90ern zeitweise über fünf Prozent des BIP lagen.
Nokia ist legendär
"FuE wurde von Kürzungen ausgenommen", sagt Bernd Fischer von der Deutsch-Finnischen Handelskammer, "das Gegenteil vom Rasenmäherprinzip." In den 90ern kamen zuletzt fünf Prozent Hochtechnologiebetriebe im Jahr hinzu. Die Holzwirtschaft schrumpfte von einem Drittel der Exporte 1980 auf ein Fünftel, während die Elektroindustrie von fünf Prozent auf ein Drittel stieg. Legendär ist der als Hersteller von Holzfasern gestartete Nokia-Konzern, heute Weltmarktführer bei Mobiltelefonen. In der EU geben nur die Schweden mehr für Forschung aus als Finnland - zusammen mit der Bildung satte zehn Prozent des BIP.
Eine solche Wissensstrategie sei "für ein kleines, teures Land die einzige Chance, Wohlstand zu sichern", sagt Veli-Pekka Saarnivaara, Generaldirektor der Förderstelle Tekes. Die Fäden laufen bei Tekes und im Technologierat zusammen, einem Topgremium unter Leitung des Premiers. Hier werden auf vier Jahre Gelder verplant, zu 60 Prozent für die Privatwirtschaft. Die OECD lobte jüngst die öffentlich-private Zusammenarbeit.
Harvard-Professor Jeffrey Sachs lobt, dass alle Finnen von der Strategie profitieren, unabhängig von der sozialen Herkunft. Das sieht auch Ex-Premier Paavo Lipponen so: "Das hohe Bildungsniveau der gesamten Gesellschaft ermöglicht unserer Wirtschaft die hochwertige Produktion." Schon das Schulsystem steigere das Innovationspotenzial.
Ungewöhnliche Zusage
Der Wirtschaft kam zudem zugute, dass die Währung Anfang der 90er Jahre kräftig abwertete. Um die Wettbewerbsvorteile zu halten, bot die Regierung ein ungewöhnliches Geschäft an: Sie versprach Steuersenkungen, wenn sich Gewerkschaften und Arbeitgeber dafür auf zurückhaltende Lohnzuwächse bis 2007 einlassen sollten. Als 2001 ein Absturz der Wirtschaft drohte, stützte die Regierung bereits mit Steuersenkungen und Staatsausgaben die Konjunktur.
Wirklich schlank ist der finnische Staat nicht. Eine staatliche Volksrente garantiert die Mindestabsicherung, ergänzt durch eine lohnbezogene Erwerbsrente. Arbeitslose werden aus Versicherungskassen alimentiert, die zumeist von Gewerkschaften betrieben werden. Gesundheitsausgaben werden aus der kommunalen Einkommensteuer von 18 Prozent bezahlt. Der Spitzensteuersatz von 33,5 Prozent gilt ab 56.900 Euro - hinzu kommen kommunale Steuern sowie Abgaben von fünf bis sieben Prozent. Nur Einkünfte aus Kapital sind geringer belastet. Umverteilt wird zwischen besser und schlechter verdienenden Arbeitnehmern - ohne Investoren abzuschrecken.
Alle Sorgen sind die Finnen deswegen nicht los: Zwar hat sich die Arbeitslosenquote von fast 17 auf heute 8,5 Prozent halbiert. Unter Jugendlichen liegt sie aber noch bei 20 Prozent. Viele Fachschulabgänger finden keinen Job. Und für Geringverdiener ist das Arbeitslosengeld relativ attraktiv. Das mindert den Druck.