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Merken   Drucken   24.01.2012, 19:50 Schriftgröße: AAA

Streit um Völkermord: Frankreichs unfreiwillige Stützaktion für Erdogan

Leitartikel Auch wenn die offizielle Reaktion eine andere ist, der türkische Premierminister wird wohl dem französischen Senat gegenüber in diesen Tagen große Dankbarkeit empfinden.
Der hat Recep Tayyip Erdogan eine wunderbare Möglichkeit geliefert, sich wieder mal als wütender Beschützer der nationalen Ehre zu gerieren, als Vater (fast) aller Türken - und nicht nur als unberechenbar agierender Regierungschef einer Regionalmacht, die ganz besoffen ist vom eigenen Bedeutungszuwachs.
Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan   Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan
Und so kommt es, wie es kommen muss: Wenn in Frankreich die Leugnung des Völkermords an den Armeniern ab sofort strafbewehrt ist, wird erwartungsgemäß in der Türkei die Auf- und Erregungsmaschine angeworfen. Mit wilden Drohungen und geballten Fäusten. Alles andere hätte ja von politischer Vernunft gezeugt.
Gleichzeitig nützt das französische Gesetz weder der Wahrheit über den Völkermord an den Armeniern, denn es verstärkt nur die trotzige Uneinsichtigkeit der Türken. Noch hilft es den Minderheiten in der Türkei, die gehofft hatten, dass ihre Geschichte ernsthaft aufgearbeitet wird - erste Anzeichen dafür hatte es schon gegeben. Auch der Annäherung zwischen der Türkei und Armenien, die unter Erdogan tatsächlich vorankam, ist das alles nicht zuträglich.
Es ist nicht nur ein Scharmützel zwischen Frankreich und der Türkei, das nach einigen diplomatischen Schrecksekunden wieder ausgestanden ist. Hier wird gerade Vertrauenskapital zwischen Europa und einer wichtigen regionalen Großmacht an der EU-Außengrenze zerstört. Von der einen Seite im Namen der historischen Wahrheit (beziehungsweise einer starken armenischen Diaspora und des Präsidentschaftswahlkampfs), auf der anderen Seite aus rein nationalistischen Gründen. Beide Seiten sollten schnell erkennen, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind - Rechthaberei hilft dabei ziemlich wenig.
  • Aus der FTD vom 25.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 27.01.2012 12:50:40 Uhr   sicluceatlux: erster Weltkrieg

    @Ahmet Kara ... Ich bedauere meine verspätete Antwort. Aber bevor ich antworte möchte ich mich in Kenntnis gesetzt wissen über die Situation 1919 in Gaziantep. Es ist richtig dass Franzosen und evtl. auch Armenier dort gekämpft haben. Wahrscheinlich auch gegen die Zivilbevölkerung. Dies war aber Kriegsbedingt. Sie dürfen deswegen nicht eine Leugnung des Völkermord rechtfertigen der fast 4 Jahre DAVOR (1915-16) stattgefunden hat.

    1919 war das osmanische Reich fast am Ende. Die Entente rückte von Syrien in Richtung Anatolien vor. Zuerst war Gaziantep 1918 von den Briten (Mitglied der Entente) besetz. Später von den Franzosen (wie sie bereits schrieben - 1919). Die Zivilbevölkerung musste sich verteidigen weil sie SELBST einen Volksaufstand begannen. Hier ist Gewalt gegen die Zivilbevölkerung nicht verwunderlich – wenn auch sicherlich nicht gut! http://www.rt-go.de/2011-05-tr/plus/gaziantep.htm ...im nachhinein wurde die Stadt von der Osmanischen Regierung durch Cemal Pascha mit dem Namen "Gazi" (wohl trk. Für Held) geehrt.

    Für mich hat diese Situation nichts mit dem Völkermord an den Armeniern zu tun. Chronologisch 3-4 Jahre danach. Ich kann hier auch keine genozide Tendenzen Seitens der Entente feststellen. Dies bitte nicht als Relativierung verstehen – Opfer sind immer tragisch egal auf welcher Seite.

    Es tut mir Leid, aber das Ereignis können sie nicht als Untermauerung an der Leugnung des Genozids an den Armeniern nutzen. Das sind zwei paar Schuhe.

  • 25.01.2012 18:49:01 Uhr   Ahmet Kara: Völkermord an Armenier
  • 25.01.2012 16:50:56 Uhr   Baris: Wehr hat was davon?
  • 25.01.2012 15:40:35 Uhr   sicluceatlux: Massaker ungleich Genozid
  • 25.01.2012 14:50:13 Uhr   Anne Wiedenbaum: Erdogan
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