Für den vor mehr als zwei Wochen unter mysteriösen Umständen verschwundenen Frachter "Arctic Sea" ist nach Angaben der finnischen Polizei eine Lösegeldforderung gestellt worden. Die Forderung sei der finnischen Reederei zugegangen, sagte Markuu Ranta-Aho von der Nationalen Ermittlungsbehörde am Samstag dem Radiosender YLE. Es handele sich um "einen größeren Geldbetrag". Nähere Einzelheiten nannte er nicht.
Über den Verbleib der "Arctic Sea" gibt es inzwischen mehrere Angaben. Der Frachter war am Freitag zwischen 720 und 840 Kilometer nordwestlich der Inselgruppe Kap Verde vor der Westküste von Afrika gesichtet worden. Das teilten sowohl der Generaldirektor für Verteidigung des Landes, Pedro Reis, als auch das französische Verteidigungsministerium mit. Beide bestätigten damit einen Exklusivbericht der FTD. Die "Arctic Sea" befand sich am frühen Freitagmorgen nordwestlich der Insel Sao Antao.
Inzwischen wurde das von russischer Seite dementiert. Der kapverdische Generalstabschef habe ihn davon unterrichtet, dass lediglich ein der "Arctic Sea" ähnelndes Schiff entdeckt worden sei, sagte der russische Botschafter in Kap Verde, Alexander Karpuschin, laut der Nachrichtenagentur Interfax dem russischen Fernsehen.
Eine russische Marine-Website meldete am Samstag, ein Signal der "Arctic Sea" sei aus der Biskaya empfangen worden. Die französische Marine dementierte dies jedoch umgehend und erklärte, das Signal sei von russischen Kriegsschiffen gekommen.
Russland Nato-Botschafter Dmitri Rogosin hatte zuvor zur FTD gesagt, er könne keine Details über den Verbleib der "Arctic Sea" nennen. "Die Situation ist dramatisch genug." Über die Verfassung der 15 russischen Besatzungsmitglieder war zunächst nichts bekannt.
Der unter maltesischer Flagge fahrende Frachter war auf dem Weg von Finnland in den algerischen Hafen Bejaia. Dort wurde die "Arctic Sea" am 4. August erwartet. Er kam nie an. Seit Tagen ist die Aufregung groß, bislang war unklar, wo das Schiff abgeblieben ist.
Mit der Ortung lichtet sich ein großes Rätsel um die "Arctic Sea": Den vorerst letzten Funkkontakt zu dem Frachter hatte es am 28. Juli bei seiner Einfahrt in den Ärmelkanal gegeben. Die letzte Bewegung wurde am 30. Juli vor der französischen Küste aufgezeichnet, auch vor Portugal tauchte er nochmals auf.
Nach Informationen aus staatlichen Organisationen mehrerer Länder steht inzwischen auch eine Lösegeldforderung für das Schiff im Raum. Diese Quellen vermuteten einen Hintergrund im Organisierten Verbrechen. Nicht zweifelsfrei erhärten ließen sich Information, wonach die Forderung rund 1,5 Mio. $ betrage. Unter Beobachtern der Situation gilt dies als Ungereimtheit, da der Betrag für solche Fälle sehr niedrig sei.
Ein Sprecher der EU-Kommission in Brüssel sagte, die "Arctic Sea" sei in den vergangenen Wochen zweimal attackiert worden - öfter als bislang bekannt. Bislang war man davon ausgegangen, dass das Schiff in der Ostsee von als schwedischen Drogenfahndern getarnten Männern betreten worden sei. Diese hätten Teile der Crew misshandelt, seien dann aber wieder von Bord gegangen.
Der Sprecher der EU-Behörde sagte am Donnerstag, es sei wahrscheinlich, dass auch ein Übergriff vor der portugiesischen Küste stattgefunden habe. Jedenfalls gebe es Hinweise auf entsprechende Funkkontakte. "Auf der Basis aktuell verfügbarer Informationen scheint es, dass diese Taten nichts mit traditionellen Formen von Piraterie oder Seeräuberei zu tun haben", sagte der Sprecher.
Teil 2: Erstmals seit 150 Jahren Piraten in Europa?