Dieser Prozess gegen den Attentäter von Utöya, Anders Breivik, wird nicht nur die Hinterbliebenen der vielen Toten, sondern ganz Norwegen auf eine harte Probe stellen - und unzufrieden zurücklassen. Eine Entlastung für die kollektive Psyche, manche sprechen von Heilung, wird das Verfahren nicht leisten. Zu krude sind die Motive des Attentäters. Die Erwartungen sollten deshalb dementsprechend niedrig angesetzt sein. Ansonsten drohen Wunden, die so schnell nicht mehr verheilen.
Auf der Anklagebank sitzt einer, der - ob er jetzt für zurechnungsfähig erklärt wird oder nicht - mit rationalen Argumenten nicht zu greifen ist. Anders Breivik nutzte den Gerichtssaal am ersten Prozesstag erneut zur Selbststilisierung, präsentierte sich als Widerstandskämpfer gegen eine herbeifantasierte "Islamisierung Norwegens". Bei der Verlesung der Opfernamen keinerlei Gefühlsregung; zu Tränen gerührt zeigte er sich nur, als ein von ihm im Internet veröffentlichtes Propagandavideo vorgeführt wurde. Ab Dienstag wird er sich zudem selbst äußern dürfen, und sein Anwalt hat schon einen furchtbaren Vorgeschmack gegeben: Breivik wolle sein Bedauern ausdrücken, "nicht noch weiter gegangen zu sein". Worte der Reue sind von ihm also nicht zu erwarten.
Gerade deshalb hat es keinen Sinn, den Angeklagten weiter in den medialen Mittelpunkt zu stellen. Ein paar Bilder zum Prozessauftakt sind in Ordnung, sie dienen dem Informationshunger der Menschen weltweit, die wissen wollen, wer warum solch eine Tat verübt. Aber nicht jedes Detail, nicht jede neue Regung des Täters sind künftig von öffentlichem Interesse. Der Prozess kann eben nicht der Befriedigung von Rachebedürfnissen dienen oder der Bestätigung, dass es sich bei Breivik um ein "Monster" handelt - sondern einer sachlichen Rekonstruktion der Tat. Auf dass eine solche künftig verhindert wird.