Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies.
Zu Beginn der Finanzkrise hörte man häufig das prägnante Zitat von Charles Goodhart, Banken seien "international am Leben und national im Sterben". Heute ist das Gegenteil der Fall: Banken sind "national am Leben, aber europäisch im Sterben".
In Spanien etwa finanzierten regionale Sparkassen (Cajas) einen überdimensionierten Boom im Immobiliensektor. Als die Blase platzte, drohten die Verluste den spanischen Staat zu überfordern, und das Problem wurde ein europäisches, weil es das Überleben des Euros gefährdete.
Spanien ist symptomatisch für ein übergeordnetes Problem: Nationale Aufsichtsbeamte neigen dazu, Probleme Zuhause kleiner zu machen, als sie sind. Ihr Instinkt - und ihr bürokratisches Interesse - befiehlt ihnen, die Banken ihrer Heimat gegenüber anderen Ländern zu verteidigen.
Aber ihr Widerstand gegen die Aufbereitung heimischer Probleme reicht tiefer. Bis vor kurzem hielten die spanischen Behörden daran fest, dass die Probleme im Immobiliensektor ihres Landes vorübergehend seien. Hätten sie die Wahrheit zugegeben, wäre offensichtlich geworden, dass sie jahrelang das Entstehen einer Blase im Baugewerbe übersehen haben. Eine Blase, die jetzt das gesamte Land in den Bankrott zu treiben droht.
In Irland war die Situation zunächst nicht viel anders. Bei den ersten Problemen behauptete der damalige Finanzminister, das Land würde "die billigste Bankenrettung durchführen, die jemals durchgeführt wurde".
Eigentlich erschien es logisch, dass die Kosten für die Rettung insolventer Banken auf nationaler Ebene getragen würden. Auch in der Euro-Zone sollte die Bankenaufsicht überwiegend in nationaler Hand bleiben. Die vor kurzem geschaffene europäische Bankenaufsichtsbehörde EBA hat nur beschränkte Befugnisse gegenüber nationalen Aufsichtsbehörden, deren tägliche Arbeit hauptsächlich von nationalen Erwägungen geleitet wird.
Aber die Realität hat gezeigt, dass das nicht haltbar ist. Probleme können auf nationaler Ebene entstehen, aber aufgrund der Währungsunion bedrohen sie schnell die Stabilität des gesamten Bankensystems der Euro-Zone.
Auf ihrem Gipfel im Juni haben die europäischen Spitzenpolitiker endlich eingesehen, dass diese Situation geändert werden muss und haben der Europäischen Zentralbank (EZB) Verantwortung für die Bankenaufsicht in der Euro-Zone übertragen. Angesichts der Tatsache, dass die Finanzintegration innerhalb der Währungsunion besonders stark ist, war es ein nahe liegender Schritt, die EZB in dieser Hinsicht zu stärken.
Zudem trägt die EZB de facto Verantwortung für die Stabilität des Bankensystems innerhalb der Eurozone. Aber bisher musste sie große Summen an Banken verleihen, ohne deren Solidität überprüfen zu können, weil die Informationen in den Händen der nationalen Behörden lagen, die sie eifersüchtig bewachten und Probleme verdrängten, bis es zu spät war.
Der EZB Verantwortung zu übertragen, müsste auch helfen, den schleichenden Desintegrationsprozess anzuhalten, der nicht öffentlich sichtbar, aber trotzdem sehr real ist. Man braucht nur eine der großen internationalen Bankengruppen zu fragen, die ihre Zentrale in einem finanziell unter Druck stehenden Land der Euro-Zone haben.
Nehmen wir eine Bank mit Sitz in Italien und einer großen Tochtergesellschaft in Deutschland. Die deutschen Geschäfte generieren normalerweise einen Gewinn an Geldmitteln, da die Sparquote in Deutschland die Investitionen im Durchschnitt weit überschreitet. Die Muttergesellschaft möchte diese Mittel nun verwenden, um die Liquidität des Konzerns zu stärken. Aber die deutschen Aufsichtsbehörden sehen in Italien einen Risikokandidaten und verweigern die Genehmigung für einen Transfer.
Die Aufsichtsbehörde des Ursprungslandes Italien hat das gegenteilige Interesse. Sie möchte soviel Aktivität wie möglich auf dem "internen Kapitalmarkt" sehen. Auch hier wäre es sinnvoll, in der EZB einen neutralen Schiedsrichter dieser gegensätzlichen Interessen zu haben.
Aber während die Übertragung von Verantwortung der Bankenaufsicht auf die EZB ein Problem löst, schafft es ein anderes: Können nationale Behörden für Sparkassen verantwortlich gemacht werden, die sie nicht mehr beaufsichtigen?
Wirtschaftliche Logik verlangt nach einem Bankenrettungsfonds für die Euro-Zone. Offiziell wurde dies noch nicht erkannt. Aber so funktioniert der europäische Integrationsprozess oft: ein nicht vollständiger Schritt in einem Bereich erfordert später weitere Schritte in damit zusammenhängenden Bereichen.
Dieser schrittweise Ansatz hat in der Vergangenheit gut funktioniert, unter anderem ist die EU in ihrer heutigen Form daraus entstanden. Aber die Finanzkrise nimmt den Entscheidungsträgern die Zeit, ihren Wählern zu erklären, warum ein Schritt den nächsten nach sich zieht. Sie müssen viel schneller handeln, um den Euro zu retten.
Wunderbar, wie die Wutbürger in Foren mit Großbuchstaben einen der renommiertesten europäischen Finanzmarktexperten beschimpfen. Noch 2008 war die Antwort von Angela Merken auf die Finanzmarktkrise, alle Einlagen für sicher zu erklären. Mit diesem ordnungspolitisch fragwürdigen Schritt hat sie es geschafft, einen Bank-Run in Deutschland zu verhindern. Gerade die gesunden Banken haben davon profitiert, da eine Pleite vieler schwächerer Banken auch das Vertrauen in die gesunden hätte eruieren lassen - Merkel hat damals das richtige getan, um die Krisenfolgen einzudämmen. Wo waren die ordnungspolitische Ökonomen wie Sinn 2008? Nach ihrer Lesart war diese Entscheidung doch unsinnig.
Aber sie wussten, dass in dieser Situation nur eine Entscheidung weiter hilft, die nicht der reinen ordnungspolitische Lehre entspricht. Heute verweigern sie sich aber einer Bankenunion mit Argumenten, die man 2008 genauso hätte nennen können, aber genauso falsch gewesen wären, wie sie es heute sind. Sinn und Henkel sind Populisten, die die Angst vor den Kosten der Eurorettungsprogramme anfachen wollen. Der Bewertungsunterschied zwischen beiden Rettungsansätzen beweist dies eindrucksvoll.