Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Daniel Gros ist Direktor des Centre for European Policy Studies.
Die globale Energiegemeinschaft ist in heller Aufregung: Das Fracking ist eine relativ neue Technologie, die die Erschließung bisher unzugänglicher Gasreserven erlaubt, die in unterirdischen Schiefervorkommen eingeschlossen sind. Dank des Booms in den USA, ist das Land inzwischen in der Lage, seinen Erdgasbedarf fast vollständig selbst zu decken.
Europa dagegen hinkt hinterher. Die Erkundungen potentieller Gasvorkommen schreiten nur zögerlich voran, eine Schiefergas-Förderung hat noch nicht einmal begonnen. Viele Kritiker halten Europa deshalb vor, es würde die nächste Revolution auf dem Energiesektor verschlafen. Müssen sich die Europäer Sorgen machen?
Die Kritiker übersehen aber zwei zentrale Punkte. Erstens: Die geologischen Bedingungen in Europa unterscheiden sich von denen in Amerika. Es ist eine vollkommen andere Ausgangssituation, irgendwo in großen Schieferformationen versteckte Vorkommen zu haben oder aber, Vorkommen in dem Maße vorzufinden, die tatsächlich wirtschaftlich ausgebeutet werden können.
Schätzungen der Internationalen Energieagentur legen nahe, dass die größten abbaufähigen Schiefergasvorkommen in den USA und China liegen - nicht in Europa. Freilich sind selbst diese Schätzungen kaum mehr als auf Erfahrungen gründende Vermutungen. Denn gründlich erkundet wurden Schieferformationen bisher nur in den USA.
In Europa beginnt dieser Prozess dagegen gerade erst. Polen scheint auf dem europäischen Kontinent die günstigsten geologischen Voraussetzungen mitzubringen und könnte sich, im lokalen Maßstab, in etwa zehn Jahren zu einem wichtigen Produzenten entwickeln. Dies ist ein glücklicher Umstand, denn die Schiefergasproduktion dürfte es Polen politisch erleichtern, seine wirtschaftlich und ökologisch unsinnigen Subventionen für die Förderung (und den Verbrauch) lokaler Kohle auslaufen zu lassen. Und auch strategisch wäre Fracking für Polen ein Segen: Es würde die Abhängigkeit des Landes von russischem Gas verringern.
Aber die Kritiker der Europäischen Union übersehen noch einen weiteren Punkt: Die EU ist für die Erschließung von Schiefergas in Europa schlicht gar nicht zuständig. Über die Lizensierung und Regulierung von Erkundung und Förderung entscheidet jede Nation selbst.
Zugegeben: Lokaler Widerstand gegen das Fracking stellt in Europa eine sehr viel ernstere Hürde dar als in den USA. Das mag teilweise daran liegen, dass die Europäer in Umweltfragen zu sensibel sind. Aber auch fehlende Anreize spielen eine Rolle: Insbesondere liegen die Eigentumsrechte an natürlichen Ressourcen in den USA in der Regel beim Eigentümer des Landes, unter dem sich die Rohstoffe befinden; in Europa dagegen ist der Staat Eigentümer der Rohstoffvorkommen.
Daher neigen die Europäer - die sich mit unklaren ökologischen Folgen konfrontiert sehen und keine Aussicht auf mögliche Einnahmen haben - dazu, sich gegen Fracking in ihrer Nachbarschaft auszusprechen. In den USA dagegen profitieren die Bürger deutlich: Sie können ihre Eigentumsrechte an die Gasunternehmen verkaufen - ein starkes Gegengewicht gegenüber Ängsten vor ökologischen Kosten.
Der Unterschied zwischen Privat- und Staatseigentum ist allerdings nicht der einzige, der dem Gasboom in den USA zugrunde liegt. Ein selten erwähnter Grund ist auch, dass die Schiefergas-Erschließung in den USA steuerlich stark gefördert wurde; ein Modell, dem Europa nicht nacheifern wird.
Der entscheidende und fast immer übersehene Punkt beim Fracking ist jedoch, dass Schiefergas wie alle Kohlenwasserstoffe nur einmal verbraucht werden kann. Die wahre Frage ist daher nicht, ob das Schiefergas in Europa erschlossen werden sollte, sondern wann es verbraucht werden sollte: heute oder zu einem späteren Zeitpunkt?
Europa ist bereits ein starker Gasverbraucher, sein Verbrauch aber stagniert (zusammen mit der wirtschaftlichen Entwicklung). Trotz des Rummels um die Schiefergas-Revolution liegen die Förderkosten von konventionellem Gas an Land nach wie vor unter denen von Schiefergas. Hinzu kommt, dass die Grenzkosten für den Transport nach Europa wegen des vorhandenen Erdgasröhrennetzes sehr niedrig ist. Unter wirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten dürfte das Fracking den Europäern daher keine wesentlichen Vorteile bringen: Das Schiefergas würde lediglich das reichlich verfügbare konventionelle Gas ersetzen.
In einem Umfeld ultraniedriger Zinsen sind die wirtschaftlichen Kosten des Zuspätkommens deshalb niedrig. Die beste Alternative dürfte für Europa darin bestehen, abzuwarten und den Markt machen zu lassen. Fracking ist als Technologie auch noch nicht ausgereift und dürfte daher im Laufe der Zeit noch erhebliche Verbesserungen erfahren. Vielleicht wird Europa irgendwann einmal führend sein - wenn die Fracking-Methoden hochentwickelt und die Schiefergasvorkommen in den USA längst erschöpft sind.
Leider ist Fracking im Raum Bremen doch schon ein Thema, wo sich bereits verschiedene Interessengruppen gebildet haben, die versuchen dagegen vorzugehen. Offenbar kommt es beim Pumpen durch die vielen Erdschichten immer wieder zu Gas-Unfällen, das durch Fracking entstehende giftige Lagerstättenwasser wird durch ein Wasserschutzgebiet gepumpt und die Leitungen sind nicht so zuverlässig, wie man geglaubt hat. Mittlerweile müssen mehere qm verseuchtes Akerland abgetragen werden und in einem kleinen Dorf direkt in der Nähe einer Förderstelle gibt es vermehrt Krebskranke. Die Verantwortlichen entziehen sich natürlich der Verantwortung, weil es zu wenig Möglichkeiten gibt den direkten Zusammenhang nachzuweisen. Und ob 10 Kranke bei 30 Einwohnern statistisch signifikant ist, ist eben fraglich.
Es gibt eben einfach zu viele Unbekannte, welche Veränderungen wirklich auftreten, wenn man in mehreren hundert Metern unter der Oberfläche an der Statik spielt und welche Auswirkungen die ganzen Chemikalien haben. Die betreffenden Energiekonzerne spielen natürlich alles herunter. Auch im Hinblick darauf, dass es auch bei uns immer weniger regnet und Grundwasser vermutlich auf lange Sicht knapp wird, sollte man vielleicht nicht mit der dauerhaften Verschmutzung des Reserviors einer großen Stadt experientieren.
Leider ist dieses Thema noch nicht genügend im öffentlichen Interesse. Aber einfach mal drauf los machen, ist sicher keine Lösung. Ich will nicht irgendwann meinen Wasserhahn anzünden können, wie es in USA schon vereinzelt möglich ist.