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FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.
Merken   Drucken   24.05.2012, 16:50 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: El-Erian - Wer die Schuld an der griechischen Tragödie trägt

Vier Parteien haben die Lage Griechenlands zu verantworten: die Politik in Athen, die Gläubiger des Landes, die europäische Administration und der Internationale Währungsfonds. Sie alle haben das Land für Jahre ins Elend gestürzt.
© Bild: 2011 Bloomberg/T.J. Kirkpatrick
Vier Parteien haben die Lage Griechenlands zu verantworten: die Politik in Athen, die Gläubiger des Landes, die europäische Administration und der Internationale Währungsfonds. Sie alle haben das Land für Jahre ins Elend gestürzt.
von Mohamed A. El-Erian

Mohamed A. El-Erian ist Chef der amerikanischen Kapitalanlagefirma Pimco, die sich im Besitz des Allianz-Konzerns befindet. Die weltweit tätige Versicherungsgesellschaft gehört zu den Gläubigern Griechenlands und verzichtete im Rahmen des Schuldenschnitts auf einen Teil ihrer Ansprüche gegen den wankenden Euro-Staat.


Griechenland befindet sich auf einem Weg, den schon verschiedene andere krisengebeutelte Schwellenmärkte in den vergangenen dreißig Jahren gegangen sind. Ja, tatsächlich bestehen frappierende Ähnlichkeiten zwischen dem einst so stolzen Land und Argentinien vor dessen Staatspleite im Jahr 2001. Angesichts der traumatischen Implosion von Wirtschaft, Finanzwesen, Politik und Gesellschaft dürfte bald eine hitzige Debatte darüber geführt werden, wer die Schuld an der immer schlimmer werdenden Misere der Griechen trägt.

Es gibt vier Verdächtige, die allesamt von dem spektakulären Boom des Landes profitierten, der diesem noch bemerkenswerteren Niedergang vorausging:

Viele werden sofort sagen, die Regierungen Griechenlands seien schuld, die immer von einer der beiden großen politischen Parteien des Landes, die konservative Neue Demokratie oder die sozialdemokratische Pasok, geführt wurden. Weil sie ihr Land mit Krediten zu Wohlstand bringen wollten, häuften diese Administrationen einen enormen Schuldenberg an. Die Wettbewerbsfähigkeit - und damit das Wachstumspotenzial - ging gleichzeitig dramatisch zurück. Manche Regierungen gar nahmen es mit der Wahrheit nicht sehr genau und verschleierten das tatsächliche Ausmaß der haushaltspolitischen Fehler und der Verschuldung.

Nach dem Beitritt zur Euro-Zone 2001 beispielsweise liehen sich Neue Demokratie und Pasok übermäßig viel Geld. Als dann nach der weltweiten Finanzkrise 2008 Korrekturen und Reformen erforderlich wurden, ließen sie die Bürger einfach im Stich. Einer ersten Phase der Verleugnung folgten Versprechen, die unmöglich eingehalten werden konnten. Die folgende Erosion des griechischen Ansehens verstärkte die Not der Bürger des Landes.

Moment mal, werden Sie jetzt sagen: Für jede angehäufte Schuld besteht doch ein laufender Kredit. Bei übermäßigen Schulden eventuell einer, der nicht hätte gewährt werden dürfen. Stimmt.

Lächerlicher Renditeabstand zu Deutschland

Griechenlands private Gläubiger ließen bereitwillig Geld ins Land fließen. Als der künstliche Boom nicht mehr aufrechterhalten werden konnte, drückten sie sich jedoch vor der Verantwortung und wollten die Konsequenzen nicht mittragen. Dabei war die übermäßige Kreditvergabe so weit verbreitet, dass der Renditeabstand zwischen griechischen und deutschen Anleihen zweitweise nur sechs Basispunkte betrug - geradezu lächerlich niedrig angesichts der Tatsache, dass sie von zwei Ländern ausgegeben wurden, deren Wirtschaftsmanagement und Finanzlage sich so grundlegend unterscheiden.

Übereifrige Gläubiger übernahmen diese absurde Risikoprämie dennoch bereitwillig. Als aber klar wurde, dass Griechenlands Schuldenlast Insolvenzniveau erreicht hatte, zögerten die Gläubiger, einer Einigung auf eine geordnete Lastenverteilung zuzustimmen - also einem Schuldenschnitt bei den Forderungen des Privatsektors gegen Griechenland. Sie ließen sich mit ihrer Entscheidung Zeit - und je mehr Zeit verstrich, desto mehr Geld wurde aus Griechenland abgezogen.

Beide, die griechische Regierung und die privaten Gläubiger, suchten Trost im politischen Schutz, den die europäische Einigung bot. Einer historischen Initiative mit dem Ziel, das Wohlergehen des Kontinents durch engere wirtschaftliche und politische Integration sicherzustellen auf der Grundlage glaubwürdiger Richtlinien und effektiver Institutionen. Doch der gebotetene Trost war eine Illusion, sowohl in Bezug auf die Richtlinien als auch auf die Institutionen. Man darf nicht vergessen, es waren die großen Kernländer Frankreich und Deutschland, die zu den erste Mitgliedern gehörten, die die Haushaltsrichtlinien verletzten, die bei der Einführung des Euro festgelegt worden waren. Und die Institutionen erwiesen sich wiederum als zahnlos, als es darum ging, die Einhaltung der Richtlinien durchzusetzen. Kurz: Griechenland und seine Gläubiger lebten lange glücklich in einer Fantasiewelt.

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Als Griechenland schließlich ins Wanken geriet, reagierte auch Europa nicht angemessen. Die Vertreter europäischer Regierungen konnten sich nicht auf eine gemeinsame Bewertung der Probleme des Landes einigen, geschweige denn auf eine angemessene gemeinsame Reaktion hinarbeiten. Sie öffneten schließlich widerwillig den Geldhahn, um Griechenland zu unterstützen, die Gründe dafür waren jedoch kurzsichtig. Die Herangehensweise war strategisch mangelhaft und miserabel koordiniert.

Dann war da zuletzt noch der Internationale Währungsfonds (IWF) - jene Institution, deren Aufgabe es ist, die Finanzstabilität weltweit zu schützen und einzelnen Ländern mit Rat zur Seite zu stehen. Es scheint, dass der IWF sich sowohl während des Booms als auch während der Krise zu leicht dem politischen Druck gebeugt hat. Politische Zweckmäßigkeit scheint analytische Robustheit übertrumpft zu haben, wodurch sowohl die direkte nutzbringende Funktion des IWF als auch seine Funktion als Politik- und Finanzkatalysator unterminiert wurden.

Keine unwissenden Mittäter

Oberflächlich betrachtet hat jeder der vier Verdächtigen für sich gute Gründe, die Schuld anderen zuzuschieben. Sie könnten im schlimmsten Fall sogar argumentieren, sie seien nur unwissende Mittäter gewesen. Aber das stimmt nicht.

Keiner der vier kommt an dieser Tatsache vorbei: Griechenlands Zusammenbruch wäre nicht geschehen, wären die vier während des Booms nicht so selbstzufrieden gewesen und später in der Krise ihrer Verantwortung nicht so unzureichend nachgekommen. Gegenseitig haben sie sich in ein Gefühl des falschen Wohlstands hineingeträumt und während des unumgänglichen Abschwungs einander das Bein gestellt. Jetzt, so kann man nur hoffen, werden alle vier angemessen zur Rechenschaft gezogen.

Höchstwahrscheinlich werden sie zu leicht davonkommen, vor allem im Vergleich zu den wirklichen Opfern dieser historischen Tragödie: den Schutzlosen in der griechischen Bevölkerung, denen es heute und noch viele Jahr lang viel schlechter gehen wird, da Arbeitsplätze verschwinden, Ersparnisse verpuffen und Lebensgrundlagen zerstört werden. Und möglicherweise bleiben sie nicht die Einzigen. Millionen anderer könnten ebenfalls leiden, da der finanzielle Dominoeffekt droht, sich auf andere europäische Länder und die Weltwirtschaft als Ganzes auszubreiten.

In einer gerechteren Welt hätten die nun Schutzlosen Griechen das Recht, Gehälter, offizielle Privilegien und Bonuszahlungen einzukassieren, die ihre Gläubiger, Politiker, Europa und der IWF viel zu lange genossen haben. In der Welt, wie sie ist, nicht. Da stellen sie lediglich eine Lektion für die Zukunft dar.

  • FTD.de, 24.05.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 28.05.2012 19:27:18 Uhr   EinBuerger: Sind die Wähler schuld?

    Den Griechen ging es doch ähnlich wie uns Deutschen jetzt: Wenn es KEINE Partei gibt die wirklich die aus Sicht der meisten Bürger "richtige" Politik vertritt, wen soll man wählen / hätte man wählen sollen?

  • 25.05.2012 09:21:28 Uhr   Seb: Der beste
  • 24.05.2012 21:32:01 Uhr   focus: Die Wutbürger
  • 24.05.2012 21:11:21 Uhr   DrBalthar: Konsequenz
  • 24.05.2012 18:54:06 Uhr   Nemo: Das Schuldranking
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