Kemal Derviş ehemals Wirtschaftsminister der Türkei, Administrator des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen und Vizepräsident der Weltbank, ist derzeit Vizepräsident der Brookings Institution - eines amerikanischen Thinktanks in Washington.
Die Krise der Euro-Zone hat sich im Wesentlichen aus einer Staatsschuldenkrise heraus entwickelt, von der überwiegend Länder in ihrer südlichen Peripherie betroffen waren. Die Zinssätze für italienische und spanische Staatsanleihen haben zeitweise sechs bis sieben Prozent betragen und waren für andere Länder sogar noch höher. Und weil Banken in der Euro-Zone einen wesentlichen Teil ihrer Aktiva in Form von Staatsanleihen aus der Euro-Zone halten, ist aus der Staatsschuldenkrise eine potentielle Bankenkrise geworden, die sich durch andere Verluste der Banken, etwa aufgrund des Zusammenbruchs der Immobilienpreise in Spanien, weiter verschärft hat. Eine zentrale Herausforderung für die Überwindung der Krise in der Euro-Zone besteht also darin, die Schuldenlast der südlichen Länder zu verringern.
Die Veränderung der Schuldenlast eines Landes wird durch den Umfang seines Primärsaldos (Haushaltssaldo ohne Zinszahlungen) als Anteil am BIP, sowie durch den Unterschied zwischen den Kosten seiner Kreditaufnahmen und der Wachstumsrate seines BIP reflektiert. Wenn der Unterschied zwischen Schuldendienst und Wachstum zu groß wird, wird es unmöglich die Primärhaushaltsüberschüsse erzielen, die notwendig sind, um den Anstieg der Verschuldung aufzuhalten. Tatsächlich wird in den nächsten beiden Jahren in Südeuropa mit einem Wachstum gerechnet, das nahe Null oder negativ ist, und das auch längerfristig voraussichtlich nicht höher als zwei bis drei Prozent sein wird.
Eine der zugrundeliegenden Ursachen für die Krise in der Euro-Zone - die heute das Wachstum in Südeuropa hemmt - schafft es kaum in die Schlagzeilen: Die abweichende Entwicklung der Produktionskosten, die sich zwischen den Peripherieländern, insbesondere dem "Süden" (speziell Griechenland, Spanien, Italien und Portugal) und dem "Norden" (der Einfachheit halber Deutschland) während des ersten Jahrzehnts nach der Euroeinführung entwickelt hat. In den Jahren 2000 bis 2010 sind die Lohnstückkosten in den vier südlichen Ländern um 36 Prozent, 28 Prozent, 30 Prozent bzw. 25 Prozent gestiegen, in Deutschland dagegen um weniger als fünf Prozent. Damit beträgt die kumulative Divergenz Ende 2010 in Griechenland über 30 Prozent und in Portugal, Italien und Spanien über 20 Prozent.
Lohnstückkosten reflektieren die Höhe des Arbeitsentgeltes und die Produktivität: Produktivitätszuwächse können den Effekt steigender Löhne ausgleichen. Bei der Produktivitätsentwicklung hat es in den Jahren 2000 bis 2010 keine drastischen Unterschiede zwischen nord- und südeuropäischen Ländern gegeben - tatsächlich ist das durchschnittliche jährliche Produktivitätswachstum in Griechenland rascher gewachsen als das in Deutschland (1 Prozent gegenüber 0,7 Prozent). Die Lohnkosten hingegen sind im Süden wesentlich schneller gestiegen, was zu Unterschieden bei den Kostensteigerungen geführt hat, denen man nicht durch Abwertung begegnen kann, solange die Währungsunion Bestand hat.
Solange diese interne Divergenz weiter besteht, kann die Euro-Krise nicht vollständig beigelegt werden, weil die südeuropäischen Länder weiter von Leistungsbilanzdefiziten und/oder schleppendem Wachstum heimgesucht und die Bedenken hinsichtlich der Staatsverschuldung und der Geschäftsbanken anhalten werden.
In diesem Zusammenhang ist Produktivitätswachstum - ob durch technischen Fortschritt, bessere Ressourcenverteilung oder produktive Investitionen - für die südlichen Volkswirtschaften eine ebenso wichtige Variable wie Lohnzurückhaltung. Eine übermäßige Lohndeflation wird wahrscheinlich negative Auswirkungen auf die Produktivität haben. Qualifizierte Arbeitskräfte dürften schneller auswandern und äußerste Sparsamkeit, fallende Preise und hohe Arbeitslosigkeit - und die daraus resultierende Wahrscheinlichkeit sozialer Spannungen - sind nicht gerade förderlich für Investitionen, Innovation und Arbeitskräftemobilität.

Ebenso ist es zwar möglich, die Produktivität zu steigern, indem die Zahl der Arbeitskräfte verringert wird, dies bringt jedoch hohe makroökonomische Kosten in Form von geringeren Einnahmen und höheren Sozialausgaben mit sich. Noch wichtiger ist vielleicht, dass die Wirtschaftspolitik einer Gesellschaft nicht das Selbstvertrauen nehmen sollte; in den von Ökonomen als "Animal Spirits" bezeichneten Instinkten, Emotionen und im Herdenverhalten im Wirtschaftsgeschehen muss sich Hoffnung für die Zukunft finden.
Aus all diesen Gründen könnten übermäßige Sparsamkeit und Deflation ihrem eigenen Zweck zuwiderlaufen und die Durchführung der "Reformen" zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der südeuropäischen Länder unmöglich machen. Der richtige Ansatz muss zumutbare Lohnzurückhaltung und geringe (aber nicht negative) Inflation mit einzelwirtschaftlichen politischen Maßnahmen verbinden, die darauf abzielen die Produktivität zu steigern.
Es liegt im Übrigen auf der Hand, dass die nordeuropäischen Länder dazu beitragen könnten die Kluft bei der Wettbewerbsfähigkeit schneller zu schließen, indem sie schnelleres Lohnwachstum fördern. Es ist tatsächlich verblüffend, wie stark politische Entscheidungsträger im Westen sich darauf konzentrieren, China davon zu überzeugen seine Währung aufwerten zu lassen, wenn man bedenkt, dass Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss, gemessen am BIP, heute bedeutend höher ist als das chinesische.
Um die großen Unterschiede bei den Lohnstückkosten auszugleichen, die sich in den ersten zehn Jahren nach der Euroeinführung entwickelt haben, sind somit nicht nur Lohnzurückhaltung und produktivitätsfördernde Reformen im Süden notwendig, sondere auch höhere Lohnzuwächse im Norden. Wenn die Löhne in Deutschland, so eine Simulation, jährlich um vier Prozent steigen würden, anstatt um 1,5 Prozent wie in den letzten zehn Jahren, und wenn sich das jährliche Produktivitätswachstum in Spanien auf zwei Prozent beschleunigen würde (es lag in beiden Ländern bei annähernd 0,7 Prozent), könnte Spanien das Gefälle bei den Lohnstückkosten ausgleichen, das sich gegenüber Deutschland in fünf Jahren seit 2000 entwickelt hat. Die Löhne in Spanien würden um etwa 1,7 Prozent pro Jahr steigen.
Dieses Szenario sollte nicht ausgeschlossen sein. Spanien, wo die Löhne in den Jahren 2000 bis 2010 um durchschnittlich 3,4 Prozent pro Jahr gestiegen sind, müsste sich in Zurückhaltung üben und außerdem ernsthafte Anstrengungen unternehmen, das Produktivitätswachstum zu beschleunigen. Sinkende Löhne oder eine bedeutende Deflation wären aber nicht erforderlich: Ein Lohnwachstum in Höhe von 1,7 Prozent und ein Produktivitätswachstum in Höhe von zwei Prozent wären mit einer Inflation nahe Null vereinbar. Ein Produktivitätswachstum in Höhe von historischen 0,7 Prozent in Deutschland, verbunden mit einem Lohnzuwachs von vier Prozent, wäre mit einer Inflationsrate von etwas über drei Prozent vereinbar.
Kurz gesagt sind interne Anpassungen in der Euro-Zone erreichbar, ohne dass es im Süden zu einer gravierenden Deflation kommt, vorausgesetzt, dass sich das dortige Produktivitätswachstum beschleunigt, und dass der Norden seinen Teil beiträgt, indem eine leicht beschleunigtes Lohnwachstum gefördert wird. Der geringere Leistungsbilanzüberschuss, der sich demzufolge für Nordeuropa ergeben könnte, sollte an sich willkommen sein. Wenn der Norden darauf besteht, am geringen Lohnwachstum aus dem Zeitraum 2000-2010 festzuhalten, wären für eine interne Anpassung ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit und Deflation im Süden notwendig, was diesen Prozess schwieriger und vielleicht politisch unerreichbar machen würde.
Die vergifteten falschen Ratschläge der “hochseriösen Experten”
Jahrelang haben uns die Vertreter des akademischen ökonomischen Establishments mit ihren Ratschlägen versorgt. Die “hochseriösen Experten” haben uns Deregulierung der Märkte empfohlen und “Strukturreformen”, um die Kräfte der Märkte zu entfesseln. Das Ergebnis war der Kollaps der globalen Finanzmärkte. Die “hochseriösen Experten” haben die Effizienz freier Märkte “bewiesen”, das Ergebnis war ein steiler Anstieg der Ungleichheiten. Und dann haben uns die “hochseriösen Experten” gesagt, nur mit Austeriätspolitik könne die Krise bekämpft und das “Vertrauen der Märkte” wiedergewonnen werden. Das Resultat ist eine Existenzkrise der Eurozone. Wann immer man also Ratschläge der “hochseriösen Experten” befolgt, fliegen einem hinterher mit großer Wahrscheinlichkeit die Trümmer um die Ohren. Woher nehmen eigentlich diese “hochseriösen Experten” das Selbstbewusstsein, uns angesichts dieser katastrophalen Bilanz immer noch mit dem Gestus professoraler Aufgeblasenheit mit ihren fatalen Ratschlägen zu behelligen?
Tja, sie tun eben das, was sie gelernt haben......und wofür sie bezahlt wurden und werden.