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  FTD-Serie: Die Top-Ökonomen

Es gibt kaum eine heiße wirtschaftspolitische Debatte oder kluge ökonomische Analyse, in der ihr Name nicht fällt: Joseph Stiglitz, Kenneth Rogoff und Jagdish Bhagwati bilden mit einem guten Dutzend weiterer Top-Ökonomen einen einzigartigen Think Tank. So konträr ihre Ansichten auch sein mögen: Sie schreiben für eine exklusive Serie, die die FTD in Zusammenarbeit mit der internationalen Public-Benefit-Organisation 'Project Syndicate' veröffentlicht.

Merken   Drucken   15.02.2012, 10:29 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen: Laura Tyson - Amerika darf alles, nur jetzt nicht sparen

Zur Lage der US-Wirtschaft gibt es eine Jubelmeldung nach der anderen. Dabei steht das Land vor erheblichen Problemen. Um sie zu lösen, müsste erst investiert und später gespart werden.
© Bild: 2012 Reuters/© Fred Prouser / Reuters
Kommentar Zur Lage der US-Wirtschaft gibt es eine Jubelmeldung nach der anderen. Dabei steht das Land vor erheblichen Problemen. Um sie zu lösen, müsste erst investiert und später gespart werden. von Laura Tyson
Laura Tyson ist Professorin an der Haas School of Business der University of California und ehemalige Vorsitzende des wirtschaftlichen Beraterstabes des US-Präsidenten (Council of Economic Advisers) während der Clinton-Administration

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Anfang dieses Jahres sind eine Reihe von Berichten mit verlockenden Anzeichen für eine stärker werdende Erholung der US-Wirtschaft veröffentlicht worden. Die Schaffung von Arbeitsplätzen hat sich beschleunigt, die Indikatoren für das produzierende Gewerbe und Dienstleistungen haben sich verbessert und die Konsumausgaben waren höher als erwartet. Zum Feiern ist es allerdings noch zu früh.
Das Produktionswachstum in den USA bleibt blutleer und die Wirtschaft ist weiterhin mit drei erheblichen Defiziten konfrontiert: Einem Arbeitsplatzdefizit, einem Investitionsdefizit und einem langfristigen Haushaltsdefizit - von denen vermutlich keines in einem Wahljahr in Angriff genommen wird.
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Obwohl die Produktionsleistung inzwischen höher ist als im vierten Quartal 2007, bleibt sie doch weit unter dem, was produziert werden könnte, wenn Arbeitskräfte und Kapazität voll ausgeschöpft würden. Die Lücke zwischen tatsächlicher und potenzieller Produktionsleistung wird auf über 7 Prozent des Bruttoinlandprodukts geschätzt (mehr als 1000 Mrd. US-Dollar).
In dieser Produktionslücke spiegeln sich über 12 Mio. fehlende Arbeitsplätze wider - genau die Anzahl Jobs, die notwendig ist, um erneut den höchsten Stand des Beschäftigungsgrades von 2007 zu erreichen und die 125.000 Arbeitskräfte aufzunehmen, die jeden Monat ins Erwerbsleben eintreten. Selbst wenn das Wirtschaftswachstum im Jahr 2012 bei 2,5 Prozent liegen wird, wovon die meisten Prognosen ausgehen, wird das Arbeitsplatzdefizit bleiben - und bis 2024 nicht behoben werden.
Der Arbeitsplatzmangel in Amerika ist in erster Linie das Resultat einer unzureichenden gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Der Konsum, der einen Anteil von etwa 70 Prozent der Gesamtausgaben ausmacht, wird durch hohe Arbeitslosigkeit, geringen Lohnzuwachs, einen drastischen Wertverlust von Eigenheimen und einen deutlichen Rückgang des Vermögens der Verbraucher gebremst. Der Aufwärtstrend der Konsumausgaben in den letzten Monaten des Jahres 2011 wurde durch einen Rückgang der Sparquote der privaten Haushalte und einen starken Anstieg der Verbraucherkredite finanziert. Weder die eine noch die andere Entwicklung ist gesund oder nachhaltig.
Mit einer Arbeitslosenquote von 8,5 Prozent, einer Erwerbsquote von lediglich 64 Prozent und stagnierenden Reallöhnen ist das Arbeitseinkommen auf einen historischen Tiefstand von 44 Prozent des Volkseinkommens gesunken. Das Arbeitseinkommen ist der wichtigste Bestandteil des Haushaltseinkommens, dem Schlüsselfaktor für Konsumausgaben.
Schon vor der großen Rezession haben die amerikanischen Arbeiter und Haushalte in Schwierigkeiten gesteckt. Der Beschäftigungszuwachs in den Jahren 2000 bis 2007 hatte sich gegenüber den drei vorangegangen Jahrzehnten um die Hälfte verlangsamt. Das Produktivitätswachstum war zwar stark, hat das Lohnwachstum aber weit hinter sich gelassen. Und der reale Stundenlohn der Arbeitskräfte ist im Durchschnitt gesunken, sogar für Beschäftigte mit Hochschulstudium.
In Bedrängnis geratene Haushalte senkten ihre Sparquote, nahmen Hypothekendarlehen auf und erhöhten ihre Verschuldung, um weiter konsumieren zu können. Sie trugen so zu den Immobilien- und Kreditblasen bei, die 2008 geplatzt sind und müssen seither schmerzlich ihre Schulden abbauen.
Es sind drei Kräfte, die die nachteiligen strukturellen Veränderungen am US-Arbeitsmarkt bewirkt haben. Ersten: der technische Fortschritt, der Routinetätigkeiten automatisiert und die Nachfrage nach hochqualifizierten Beschäftigten begünstigt, die mindestens einen Hochschulabschluss besitzen. Zweitens: der globale Wettbewerb und die Verflechtung von Arbeitsmärkten durch Handel und Auslagerung, was zu Stellenabbau und niedrigen Löhnen führt. Drittens: Amerikas sinkende Wettbewerbsfähigkeit als attraktiver Produktions- und Beschäftigungsstandort.
Technologische Veränderungen und die Globalisierung stellen die Arbeitsmärkte anderer Industrienationen vor ähnliche Herausforderungen. Für den Erosion der amerikanischen Wettbewerbsfähigkeit sind jedoch politische Entscheidungen in den USA verantwortlich.
Im Besonderen investieren die USA zu wenig in drei zentralen Bereichen, die Länder dabei unterstützen, hochbezahlte Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten: Qualifizierung und Ausbildung, Infrastruktur sowie Forschung und Entwicklung.
Die Ausgaben für diese Gebiete machen weniger als 10 Prozent der US-Staatsausgaben aus und ihr Anteil ist im Lauf der Zeit der gesunken. Die US-Regierung kann derzeit Kredite mit Rekordtiefständen bei den Zinsen aufnehmen. Es gibt zahlreiche Projekte in Bildung, Infrastruktur und Forschung, die eine höhere Rendite erwirtschaften, unmittelbar neue Arbeitsplätze schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit der USA durch hochbezahlte Beschäftigungsmöglichkeiten stärken würden.
Präsident Barack Obama hat etliche Vorschläge für Investitionen in die Grundlagen der nationalen Wettbewerbsfähigkeit unterbreitet, denen von den Republikanern im Kongress unter Berufung auf die drohende bevorstehende Krise der Staatsfinanzen in den USA eine Abfuhr erteilt wurde.
Aber tatsächlich wird das US-Haushaltsdefizit gemessen am BIP sogar ohne zusätzliche Maßnahmen zur Defizitverringerung in den kommenden Jahren deutlich schrumpfen, bevor es bis zum Jahr 2030 ein untragbar hohes Ausmaß erreicht.
Den USA steht zwar ein langfristiges Haushaltsdefizit bevor, das weitgehend das Ergebnis steigender Kosten im Gesundheitswesen und einer alternden Bevölkerung ist. Doch das aktuelle Defizit spiegelt im Wesentlichen geringe Steuereinnahmen wider, die auf langsames Wachstum und hohe Arbeitslosigkeit zurückzuführen sind. Zudem klingen temporäre Konjunkturmaßnahmen zu einem Zeitpunkt ab, an dem die Gesamtnachfrage schwach bleibt und zusätzliche steuerliche Anreize berechtigt sind.
Um den Kurs des Wirtschaftswachstums auf 2,5 Prozent in diesem Jahr zu halten, sollten allerwenigstens die von Obama vorgeschlagenen Lohnsteuererleichterungen und die Arbeitslosenunterstützung bis zum Ende des Jahres verlängert werden. Diese Maßnahmen würden die fragile Erholung absichern und das langfristige Haushaltsloch nicht vergrößern.
Wie sollten das Arbeitsplatzdefizit, das Investitionsdefizit und das langfristige Haushaltsdefizit der USA in Angriff genommen werden? Politische Entscheidungsträger sollten fiskalpolitische Maßnahmen zur umgehenden Verbesserung der Arbeitsplatz- und Investitionsdefizite an einen mehrjährigen Plan zur allmählichen Verringerung des Haushaltsdefizits koppeln.
Dieser langfristige Plan sollte zu einer Erhöhung der Ausgaben für Bildung, Infrastruktur und Forschung führen und das zukünftige Wachstum der Ausgaben für die Gesundheitsversorgung durch die Kostendämpfungsmechanismen bremsen, die im Gesetz zur Gesundheitsreform von Präsident Obama enthalten sind.
Die umgehende Zustimmung zu einem langfristigen Plan zur Verringerung des Defizits und die Verschiebung seines Starttermins bis die Volkswirtschaft sich der Vollbeschäftigung angenähert hat, würde verhindern, dass eine verfrühte fiskalische Kontraktion die Wirtschaft zurück in die Rezession kippen lässt. Die Inkraftsetzung eines solchen Paketes könnte die Produktionsleistung und das Beschäftigungswachstum fördern, indem Bedenken der Investoren wegen zukünftiger Defizite zerstreut werden und das Vertrauen der Verbraucher und Unternehmer gestärkt wird.
Schmerzhafte Entscheidungen darüber, wie das langfristige Haushaltsloch geschlossen werden soll, müssen jetzt getroffen und zügig umgesetzt werden, sobald sich die Konjunktur erholt hat. In den kommenden Jahren sollten allerdings Arbeitsplätze, Investitionen und Wachstum Priorität in der Haushaltspolitik genießen.
  • FTD.de, 15.02.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 20.02.2012 00:10:14 Uhr   Herbert Köln: Sparen, aber nicht jetzt!??

    Ich finde die Ausführungen von Prof. Tyson wenig hilfreich. Z.B.: die Nachfrage nach Hochschulabsolventen steigt, aber deren Gehalt sinkt. Dafür gibt es sicher eine passende makroökonomische Theorie, die die bestehenden Machtverhältnisse hübsch unbehelligt lässt. Tysons Kollege Gros (hier in der FTD) hält den europ. Sparkurs für richtig, dabei ist das US-Defizit in Prozentpunkten 2 bis 4x größer, gemessen am BIP. Die USA müssen in der Tat sparen und zwar bei ihren irrwitzigen und den Weltfrieden bedrohenden Rüstungsausgaben, die bisher mehr Probleme geschaffen als gelöst haben und den US-Staatshaushalt erdrosseln. (Nebenbei: Ein starker Rüstungssektor verzerrt die Wettbewerbssituation auf vielerlei Art: er liefert keine Produkte für den Innenmarkt und vernichtet Produktivität.) Ferner leiden die USA an nicht-makroökonomischen Negativeffekten: extreme Schulabbrecherquoten, extremem soziale Segregation. D.h. ohne eine gewaltig sich ändernde Sozialpolitik kann sich dieser Koloss nicht aus dem Sumpf ziehen. Aber wir alle wissen, dass in den USA extrem rechte Kräfte eine derartige "geistig-moralische Wende" zu verhindern wissen.

  • 16.02.2012 14:00:30 Uhr   focus: @khaproperty
  • 15.02.2012 19:27:34 Uhr   khaproperty: Obama will höhere Verschuldung.
  • 15.02.2012 17:59:10 Uhr   R.B.: Reihenfolge
  • 15.02.2012 15:13:47 Uhr   Jupp: Morgen, morgen, nur nicht heute...
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