FTD.de » Politik » Europa » Bei Euro-Kollaps droht neues 1933
Merken   Drucken   12.06.2012, 11:42 Schriftgröße: AAA

Top-Ökonomen Roubini und Ferguson zur Schuldenkrise: Bei Euro-Kollaps droht neues 1933

Kommentar Statt ständig nur Inflationsangst zu haben, sollten die Deutschen den Zusammenbruch Europas fürchten - und sich daher nicht länger gegen eine gemeinschaftliche Finanzhaftung in einer Bankenunion sperren.
von Niall Ferguson und Nouriel Roubini

Niall Ferguson ist Professor für Finanz- und Wirtschaftsgeschichte an der Harvard University.

Nouriel Roubini lehrt Ökonomie an der Stern School of Business der New York University. Wegen seiner frühen Vorhersagen der US-Immobilienkrise und der Euro-Krise wird er mitunter "Dr Doom" genannt.


Ausgerechnet Deutschland lernt nicht aus der Geschichte. Die Deutschen sind heute so sehr auf die Nichtgefahr Inflation fixiert, dass sie 1923 (dem Jahr der Hyperinflation) mehr Bedeutung beizumessen scheinen als 1933 (dem Todesjahr der Demokratie). Sie täten gut daran, sich zu erinnern, wie zwei Jahre vor 1933 eine Bankenkrise in Europa zum Zusammenbruch der Demokratie in Europa beitrug.

Seit mehr als drei Jahren warnen wir, dass Kontinentaleuropa die elenden Bilanzen seiner Banken säubern muss. Doch fast nichts ist geschehen. Derweil findet in den Peripherieländern der Euro-Zone ein stiller Ansturm auf die Banken statt: Grenzüberschreitende Finanzierung durch die Märkte wurde durch die Finanzierung der Europäischen Zentralbank (EZB) ersetzt. Große Einlagen wohlhabender Personen verlassen heimlich die "Club Med"-Banken.

100 Mrd. EU-Hilfen für Spaniens Banken - das rettet...

 

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Doch nun weitet sich der stille Ansturm auf kleinere abgesicherte Einlagen aus. Die Griechen haben im vergangenen Monat mehr als 700 Mio. Euro von ihren Banken abgehoben. Und im Falle eines Euro-Ausstiegs Griechenlands fragen sich vernunftbegabte Menschen: Wer ist der Nächste?

Der Weg aus dieser Krise scheint klar. Erstens ist ein Programm erforderlich, das Banken der Euro-Zone über stimmrechtslose Vorzugsaktien direkt rekapitalisiert, und zwar durch den EU-Rettungsschirm (EFSF) und den Nachfolger ESM. Die jetzige Herangehensweise zur Rekapitalisierung - Staaten nehmen an heimischen Anleihemärkten Geld auf und/oder bei der EFSF - führte in Irland und Griechenland zur Katastrophe. Sie hat einen sprunghaften Anstieg der Staatsverschuldung ausgelöst und Banken destabilisiert, da sich ein steigender Betrag der Schulden in ihren Händen befindet.

Zweitens muss ein EU-weites System der Einlagensicherung geschaffen werden, um einen Ansturm auf die Banken der Euro-Zone zu vermeiden.

Damit das Kapital- und Kreditrisiko, das Steuerzahler der Euro-Zone eingehen, reduziert werden, sollten mehrere Zusatzmaßnahmen umgesetzt werden:

Top-Ökonom Nouriel Roubini   Top-Ökonom Nouriel Roubini

Erstens, das Einlagensicherungssystem muss durch angemessene Bankabgaben finanziert werden, am besten eine Abgabe auf alle Bankverbindlichkeiten.

Zweitens, es muss einen Mechanismus geben, bei dem nicht abgesicherte Gläubiger der Banken zuerst herangezogen werden, bevor Steuergelder genutzt werden.

Drittens muss die Größe der Banken begrenzt werden, um das Problem des "Too big to fail" zu umgehen. Viertens befürworten wir ein EU-weites Aufsichts- und Regulierungssystem.

Strukturreformen, die das Produktivitätswachstum steigern, müssen beschleunigt werden. Um dies zu erreichen, sind nötig: eine weitere Lockerung der Geldpolitik durch die EZB, ein schwächerer Euro, Konjunkturprogramme in den Kernländern, Infrastrukturausgaben in den Peripherieländern sowie Lohnerhöhungen in den Kernländern, damit Einkommen und Konsum dort gesteigert werden.

Und angesichts der untragbar hohen Staatsschulden und Kreditkosten gewisser Mitgliedsstaaten besteht unserer Ansicht nach keine Alternative dazu, dass für Schulden in irgendeiner Weise gemeinschaftlich gehaftet wird.

Die Euro-Zone wäre ohne Griechenland...

 

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Der Sachverständigenrat der Bundesregierung, die sogenannten Wirtschaftsweisen, hat dafür einen europäischen Schuldentilgungspakt vorgeschlagen. Dieser sollte umgesetzt werden - nicht weil er optimal ist, sondern weil es der einzige Vorschlag ist, der die Sorge der Deutschen über ein überhöhtes Kreditrisiko ausräumen kann.

Der Schuldentilgungsfonds ist ein vorübergehendes Programm, das nicht zu dauerhaften Euro-Bonds führt. Gestützt wird er durch angemessene Sicherheiten, und er ist an erhebliche Auflagen geknüpft. Das größte Risiko besteht darin, dass ein für Deutschland annehmbarer Vorschlag einen derartigen Verlust der Souveränität über die Fiskalpolitik bedeuten würde, dass er für die Peripherieländer unannehmbar wäre - insbesondere für Italien und Spanien. Einen Teil der Souveränität aufzugeben ist unumgänglich. Es besteht jedoch ein Unterschied zwischen Föderalismus und Neokolonialismus.

Wir haben Verständnis für die Bedenken der Deutschen. Deutsche Steuergelder aufs Spiel zu setzen lässt sich nur schwerlich rechtfertigen, wenn an der Peripherie keine tief greifenden Reformen zu beobachten sind. Aber solche Reformen brauchen Zeit. Die Strukturreform des deutschen Arbeitsmarkts geschah nicht über Nacht. Dagegen stellt die europäische Bankenkrise eine reale Gefahr dar, die innerhalb von Tagen ausufern könnte.

Deutschland muss erkennen, dass die Rekapitalisierung von Banken, eine europäische Einlagensicherung und die gemeinschaftliche Haftung für Schulden nicht optional sind. Sie sind unerlässlich, soll ein unumkehrbarer Zerfall von Europas Währungsunion vermieden werden. Überzeugt das Deutschland immer noch nicht, müssen seine Bürger verstehen, dass die Kosten eines Zusammenbruchs der Euro-Zone astronomisch hoch wären - für sie wie für alle anderen auch.

Deutschlands Wohlstand ist eine Folge der Währungsunion. Der Euro hat deutschen Exportunternehmen einen viel wettbewerbsfähigeren Wechselkurs beschert, als es die D-Mark vermocht hätte. Die Euro-Zone ist Ziel für 42 Prozent der deutschen Exporte. Diesen Markt in eine Depression abrutschen zu lassen kann Deutschland kaum nutzen.

Die EU wurde geschaffen, damit sich die Katastrophen der 30er-Jahre nicht erneut ereignen. Es ist höchste Zeit, dass Europas Regierungen - und vor allem die deutsche - erkennen, wie gefährlich nahe sie daran sind, sie doch zu wiederholen.

  • FTD.de, 12.06.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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Kommentare
  • 15.07.2012 12:05:41 Uhr   Illoinen: Nullzinspolitik gescheitert?


    Aufgrund einer Reihe von Zahlen zu Einlagenfazilität und Zentralbankguthaben, die ich alle nicht verstehe, sei feststellbar, dass die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank keine Wirkung entfaltet. Das Geschäft der Banken untereinander, also der Geldhandel, kommt nicht in Schwung. Die Institute bringen ihre Milliarden bei der EZB in Sicherheit…
    Die EZB druckt eine Billion Euro mit dem klaren Ziel, die Schulden von Staaten zu finanzieren. Wenn man das Geld ohnehin druckt, wieso gibt man es erst den Geschäftsbanken, die ihre Aufgabe nicht erfüllen? Könnte man auf die nicht ganz verzichten? Und was hat zeitweise funktioniert? Die Banken erhielten eine Billion Euro für drei Jahre zu einem lächerlich niedrigen Zinssatz. Über einen gewissen Zeitraum gaben sie das billige Zentralbankgeld zu einem deutlich höheren Zinssatz an die Staaten weiter. Die im Gegenzug erhaltenen Schuldtitel hinterlegten die Banken wiederum als Sicherheit bei der EZB…
    Im Grunde ist nicht die Nullzinspolitik gescheitert, sondern der betriebene Aufwand zur Vermeidung einer direkten, aber zwingend notwendigen Staatsfinanzierung. Bisher wurde immer behauptet, eine direkte Finanzierung dürfe es nicht geben, da sonst die Haushaltskonsolidierung in den Ländern vernachlässigt werde. Im Ergebnis führt aber der Umweg über die Geschäftsbanken und die abermals zunehmenden Risikoaufschläge dazu, dass die Belastungen in den nationalen Haushalten automatisch steigen, egal wie viel auf der anderen Seite auch eingespart wird.

  • 14.07.2012 08:57:31 Uhr   Illoinen: Wir retten nich Länder sondern Banken
  • 14.06.2012 01:26:01 Uhr   Hadubrand: Politische Handlanger-Professoren
  • 14.06.2012 00:38:57 Uhr   John Doe: Dummköpfe zu HAUF
  • 13.06.2012 13:57:10 Uhr   Buergerin: Weltwirtschaftskrise in D.
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