Vor laufenden Kameras unterstützt Merkel den Wahlkampf ihres französischen Krisenfreundes Sarkozy. Aber die Kanzlerin lässt sich ein Hintertürchen offen und baut beim Sozialisten Hollande für den Fall der Fälle vor.
von Leo KlimmParis
In manchen Momenten zeigen Angela Merkel (CDU) und Nicolas Sarkozy fast schon anrührende Vertrautheit. "Are you tired?", fragt der Präsident die Kanzlerin, als sie Platz nimmt für das Fernsehdoppelinterview gestern im Élysée-Palast. Die Aufzeichnung läuft noch nicht. Merkel antwortet knapp und bestimmt: "Nö!" Dann schwärmen beide, wie gut ihre jeweiligen Minister doch zusammenarbeiten, "wie in einer Kabinettssitzung", sagt Merkel. "Die Krise schweißt uns zusammen!" Und Sarkozy antwortet, auf Deutsch sogar: "Genau!"
Man kann verstehen, dass Merkel diese auch hinter den Kulissen harmonische Zusammenarbeit nur ungern aufgeben will. Beim Besuch ihres halben Kabinetts in Paris gestern zelebrierten die Kanzlerin und der französische Präsident ihr Politduo "Merkozy" so, als gebe es kein Morgen. Tatsächlich müssen sie sich jedoch darauf einstellen, dass ab Mai der Sozialist François Hollande im Élysée regiert. Seit Wochen gelingt es Sarkozy nicht, seinen Rückstand in den Umfragen aufzuholen. Der in Frankreich derzeit sehr angesehenen Merkel graut es vor einem Machtwechsel in Paris. Zum Missfallen der Sozialisten hat sie Sarkozy aktive Unterstützung im Wahlkampf versprochen. Doch Merkel wäre nicht sie selbst, wenn sie sich nicht auch ein Hintertürchen zu Hollande offen ließe.
Im Interview mit dem ZDF und dem französischen Sender France 2 beginnt sie zunächst mit der angekündigten Wahlkampfhilfe für Sarkozy - wenngleich sie den massenwirksamen Auftritt vor allem als Krisenpädagogik für Franzosen wie für Deutsche verstanden wissen will. Sie besteht darauf, dies sei ein Termin als Kanzlerin, nicht als CDU-Chefin. "Ich unterstütze Nicolas Sarkozy in jeder Fasson", sagt sie. "Einfach, weil wir zu befreundeten Parteien gehören." Und fügt an: "Egal, was er tut."
Solche für Merkel ungewöhnlichen Schwüre erklären sich womöglich aus der Mühe, die die zwei gegensätzlichen Temperamente aufbringen mussten, um zueinanderzufinden. Sie bekennt: "Es war uns nicht in die Wiege gelegt, dass wir gut zusammenarbeiten." Er bekennt: "Wir haben erst lernen müssen, miteinander zu arbeiten."
Sarkozy spricht vom "Vorbild Deutschland"
Sarkozy soll sich früher prächtig über Merkel mokiert haben. Heute - da er seinen Wahlkampf in der Wirtschaftskrise voll auf das "Vorbild Deutschland" ausrichtet - überschüttet er sie mit Lob: "Ich bewundere sie", sagt er wieder und wieder. Einen großen Gefallen aber bleibt Merkel ihm gestern im Gegenzug für die Galanterie schuldig: Sie schließt nicht aus, seinen Rivalen Hollande noch vor der Präsidentenwahl in Berlin zu treffen. Die deutsch-französische Tradition verlangt, dass der Herausforderer des Präsidenten empfangen wird - und die Sozialisten deshalb auch. "Wir haben das noch nicht entschieden. Ich glaube, wir haben wichtigere Probleme", sagt Merkel lapidar. Eine Neuverhandlung des EU-Fiskalpakts, den Hollande vor allem für einen deutschen Sparpakt hält, lehnt sie ab. Das gefährde nur das Vertrauen in Europa, gibt sie zu verstehen.
Sie erinnert daran, wie Hollande beim SPD-Parteitag aufgetreten ist. Aber auch daran, dass immer alle Kanzler und Präsidenten gut zusammengearbeitet hätten. Vertraute Momente mit Hollande im Élysée sind also zumindest denkbar. So sehr, wie sie es vor Jahren mit Sarkozy waren.
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