Proteste in Italien
"Monti macht uns alle zu Bettlern"
Wie der Gründer von Eagisco, einer Firma mit zehn Beschäftigten, die anderen Firmen bei Lieferprozessen und Datenverarbeitung hilft, hegten viele Kleinunternehmer in Italien große Hoffnungen, als Berlusconi 1994 wie aus dem Nichts Ministerpräsident wurde. So sehr das Italien von heute den Eindruck vermittelt, dass niemand jemals den Cavaliere wirklich wollte - einer Mehrheit ist der Mann mit dem gefärbten Haar und den Frauenstorys nur noch peinlich. So sehr verkörperte der Selfmade-Milliardär mal einen Neuanfang.
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Italien zweigeteilt, in Kommunisten und Nichtkommunisten, in Freunde Moskaus und Freunde Washingtons. Zusammenhalt gab eine Art sozialer Pakt: Firmen gaben den Arbeitnehmern Sicherheit. In Krisenzeiten sprang der Staat ein und zahlte die Rechnung. Das führte zu höheren Schulden, die in Form von Staatsanleihen von Italienern gezeichnet wurden. Anfang der 1990er-Jahre zerbrach dieses System - und auf die leere Bühne trat Berlusconi.
"Ich hatte mir von ihm einen neuen sozialen Pakt erwartet", sagt Brambilla. Für ihn bedeutete das: mehr Freiheiten für Unternehmer, Mitarbeiter zu entlassen, weniger Bürokratie und weniger Macht für die starke Lobby aus Anwälten und Notaren. "Mehr Pflichten und weniger Rechte für alle", fasst Brambilla sein Wunschprogramm zusammen.
Mit seiner mächtigen Figur, dem kleinen, versteckten Büro und dem engen Anzug verkörpert Brambilla ganz Italien: Wie der große Gulliver auf Liliput ist er gefangen in einem Netz aus vielen kleinen Bestimmungen, Auflagen, Richtlinien. "Wie viele Gesetze gibt es in Italien? Fünf Millionen", schimpft der Unternehmer. "Wie hoch sind die Schulden? 1900 Mrd. Euro", antwortet er selbst.