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Merken   Drucken   13.12.2011, 20:10 Schriftgröße: AAA

Veto bei EU-Gipfel: Cameron verrät 200 Jahre Geschichte

Seit der Schlacht von Waterloo haben Briten enorme Anstrengungen unternommen, eine Führungsrolle in Europa zu bewahren. David Cameron hat sie unüberlegt preisgegeben - eine katastrophale Entscheidung.
© Bild: 2011 Reuters/PHILIPPE WOJAZER
Kommentar Seit der Schlacht von Waterloo haben Briten enorme Anstrengungen unternommen, eine Führungsrolle in Europa zu bewahren. David Cameron hat sie unüberlegt preisgegeben - eine katastrophale Entscheidung. von Jonathan Powell
Jonathan Powell ist britischer Ex-Diplomat und war Stabschef von Ex-Premier Tony Blair

Im Jahr 1955 fällte die konservative Regierung unter Führung von Anthony Eden die katastrophale Entscheidung, der geplanten Europäischen Gemeinschaft (EG) nicht beizutreten. Es war eine impulsive, unüberlegte Entscheidung. Danach versuchte Großbritannien jahrelang, doch beizutreten. Aber erst nachdem sich das Königreich mehrere Abfuhren eingehandelt hatte, erhielt es 1972 die Beitrittserlaubnis. Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings schon zu spät, die Richtung Europas mitzubestimmen. Seither haben wir uns als Mitglied stets unbehaglich gefühlt.
Jonathan Powell, britischer Ex-Diplomat und Ex-Premier Tony Blair   Jonathan Powell, britischer Ex-Diplomat und Ex-Premier Tony Blair
56 Jahre später hat nun eine andere konservative Regierung eine weitere katastrophale Entscheidung gefällt: Ohne wirklich über die Konsequenzen nachzudenken, verweigerte Premier David Cameron die Zustimmung zu einem Vertrag, der Europa über die kommenden Jahrzehnte hinweg prägen wird. Wir Briten verließen uns darauf, dass wir in einer Art europäischer Freihandelszone ein Bündnis schmieden könnten mit den neun anderen Ländern, die "draußen" bleiben würden - doch dieser Plan verpuffte innerhalb von Stunden.
Genau wie nach 1955 werden wir nun jahrzehntelang versuchen müssen, einem Klub beizutreten, bei dem wir von Anfang an hätten dabei sein sollen. Und Europa wird darunter leiden, dass eine starke wirtschaftsliberale Stimme fehlt, die die staatlich orientierten Tendenzen in vielen anderen Mitgliedsstaaten mäßigt.
Tony Blair   Tony Blair
Wie wir in der damaligen Regierung Tony Blairs feststellen mussten, können bedeutende Entscheidungen an einem vorbeigehen, ohne dass man sich völlig bewusst ist, wie bedeutend sie tatsächlich sind. Was am Freitag passiert ist, wurde zum bezeichnenden Augenblick dieser britischen Regierung, ohne dass David Cameron das auch nur gemerkt hat.
Ich weiß, wie frustrierend europäische Gipfeltreffen sein können. Man muss sich vorbereiten, muss manövrieren und Allianzen schmieden, und man muss immer bei der Sache sein, will man verhindern, vom Entscheidungsprozess ausgeschlossen zu werden. Als Unterhändler darf man niemals bluffen, falls man nicht mit den Folgen leben kann, die der Bluff mit sich bringt; und auf keinen Fall darf man impulsiv handeln. Beides scheint am Freitag passiert zu sein. Anders kann ich mir nicht erklären, wie Cameron in diese Lage geraten ist.

Teil 2: Großbritannien bleibt außen vor

  • FTD.de, 13.12.2011
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Kommentare
  • 16.04.2012 13:25:03 Uhr   Gaston: interessant

    Grossartig geschriebener und sehr interessanter Artikel. Vielen Dank Jonathan Powell.

  • 14.12.2011 09:25:38 Uhr   Euro: Cameron
  • 13.12.2011 21:40:08 Uhr   Klaus Meier: GB wird daraus gestärkt hervorgehen
  • 13.12.2011 20:46:53 Uhr   DrBalthar: Das kann man auch anders sehen
  • 13.12.2011 19:22:19 Uhr   TomTom: Vertrauen Verspielt
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