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Merken   Drucken   16.06.2012, 13:17 Schriftgröße: AAA

Vor der Wahl in Griechenland: Europa zittert vor der Schicksalswahl

Die Länder der Euro-Zone schauen gebannt nach Griechenland. Ministerien, Zentralbanken und Firmen bereiten sich auf eine etwaige Eskalation der Krise vor. Schlimmstenfalls droht der Grexit.
von Brüssel, , Frankfurt, , Berlin und Kirsten Bialdiga, Düsseldorf

Politik und Wirtschaft bereiten sich auf eine gefährliche Eskalation der Euro-Krise in der kommenden Woche vor. Sollte bei der Wahl in Griechenland am Sonntag die linkssozialistische Syriza-Partei gewinnen, könnte das Land als Folge die Euro-Zone verlassen.

Auch wenn dies nicht sofort geschehen dürfte, rechnen Experten mit heftigen Marktreaktionen. Wichtige Vertreter der Euro-Zone halten sich daher ab Sonntagabend für Krisengespräche bereit. EU-Währungskommissar Olli Rehn verzichtet eigens auf die Teilnahme am G20-Gipfel in Mexiko. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verschob am Donnerstag ihre Abreise nach Mexiko auf Sonntag um Mitternacht - also einen Zeitpunkt nach Bekanntwerden des Wahlergebnisses.

Die Euro-Zone wäre ohne Griechenland...

 

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In Kreisen der Euro-Zone hieß es, man sei auf verschiedene Notfallszenarien vorbereitet. Dazu gehören im Falle des "Grexit", wie der Exit Griechenlands aus dem Euro auch genannt wird, die vorübergehende Einführung von Kapitalverkehrskontrollen und der Stopp von Bargeldauszahlungen. Offiziell heißt es weiter, der Grexit solle vermieden werden, auch zu Zugeständnissen an Griechenland ist man bereit. Nicht hinnehmen will die EU eine Einstellung der Zahlungen an die Gläubiger, wie Syriza-Chef Alexis Tsipras sie androht. "Wenn die Griechen ihre Verpflichtungen nicht einhalten und Kredite nicht zurückzahlen, wird die Slowakei den Austritt verlangen", sagte der slowakische Premier Robert Fico.

Nach vielen europäischen Firmen treffen jetzt auch ausländische Konzerne Vorsorge. Nach FTD-Informationen hat die New York Stock Exchange (NYSE) am Mittwoch den im amerikanischen Aktienindex S&P500  gelisteten Unternehmen per E-Mail einen als vertraulich eingestuften Newsletter mit dem Titel "Eurozone Breakup" geschickt. Dieser enthält einen Fragenkatalog zum Extremfall eines Auseinanderbrechens der Euro-Zone. In den Fragen geht es darum, wie die Firmen vorbereitet sind, welche Verträge in welcher Währung mit Zulieferern bestehen, welche Bankenverbindungen existieren und ob die entsprechenden Institute gefährdet sind. Die Führungskraft einer betroffenen Gesellschaft bezeichnete die E-Mail als höchst ungewöhnlich.

Alexis Tsipras   Alexis Tsipras

Die Euro-Finanzminister wollen am Sonntagabend in einer Telefonkonferenz über das Ergebnis der Wahl beraten. Das teilten zwei Euro-Zonen-Vertreter am Donnerstag mit. Die Hauptsorge sei das Risiko von größeren Kapitalabflüssen, sollte sich die radikale Linkspartei Syriza durchsetzen, sagte einer der Vertreter. Ein weiterer ergänzte, es gehe dabei auch um die Möglichkeit, dass Bankkunden via Internetbanking noch am Sonntagabend Transfers tätigten.

Auch die wichtigsten Notenbanken der Welt stehen G20-Kreisen zufolge für eine koordinierte Aktion zur Stabilisierung der globalen Finanzmärkte bereit, sollte das Ergebnis der Wahl zu Kursturbulenzen führen. "Die Zentralbanken bereiten sich auf eine koordinierte Aktion zur Bereitstellung von Liquidität vor", erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters von einem hochrangigen G20-Vertreter, der mit den Beratungen internationaler Finanzdiplomaten vertraut ist. Ziel sei es, eine Kreditklemme zu verhindern. Bundesbank und EZB waren zunächst für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die größeren deutschen Banken bereiten sich seit Wochen auf einen möglichen Grexit vor. "Am stärksten wären Geldhäuser betroffen, die einen umfangreichen Zahlungsverkehr mit Griechenland unterhalten", sagt Rüdiger Filbry, Chef der deutschen Bankenberatung bei Boston Consulting. Die Firma hat Instituten, für die sie tätig ist, kürzlich ein 100-Punkte-Programm an die Hand gegeben. In diesem Notfallplan geht es unter anderem um mögliche Turbulenzen an den Finanzmärkten oder rechtliche Fragen.

Bei Anlegern wuchs am Donnerstag die Sorge insbesondere um Spanien. Die US-Ratingagentur Moody's stufte die Kreditwürdigkeit des Landes um drei Stufen herab - damit befindet es sich nur noch eine Stufe über dem sogenannten Ramschniveau. Auf den Anleihemärkten stiegen die Zinsen, die Madrid für neue Schulden zahlen muss. Bei zehnjährigen Staatsanleihen erreichten die Renditen mit 6,998 Prozent zwischenzeitlich ein neues Rekordhoch. Auch italienische Anleihen gerieten stärker unter Druck.

Der Wahlausgang in Griechenland gilt als offen. Seit über einer Woche dürfen keine Umfragen mehr veröffentlicht werden. Die Syriza war bei der letzten Wahl am 6.Mai überraschend zweitstärkste Kraft geworden - auch wegen der Konjunkturkrise im Land. Seit 2008 verharrt die griechische Wirtschaft in der Rezession. Nach leichtem Wirtschaftswachstum im ersten Quartal schrumpfte im April die Industrieproduktion wieder um 1,4 Prozent, teilte das hellenische Statistikamt mit. Die Arbeitslosenquote stieg im ersten Quartal auf 22,6 Prozent. 3,84 Millionen Beschäftigten stehen nun 1,12 Millionen Menschen gegenüber, die einen Job suchen.

Merkel erklärte sich im Bundestag bereit, zur Lösung der Euro-Krise über eine teilweise Vergemeinschaftung von Risiken nachzudenken. Deutschlands Kräfte seien aber nicht unendlich. Der Teufelskreis von immer neuen Schulden und Regelverstößen müsse durchbrochen werden.

Mit Reuters

  • Aus der FTD vom 16.06.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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