Über der britischen Hauptstadt London kommt es in diesen Tagen zu "ungewöhnlichen Flugbewegungen", wie es im Militärjargon heißt. Typhoon-Fighterjets und Hubschrauber vom Typ Puma und Lynx sollen über der Millionenmetropole kreisen, um den Ernstfall während der Olympischen Sommerspiele in gut 80 Tagen zu proben. Es handle sich um "angemessene Vorsichtsmaßnahmen" gegen Terror aus der Luft, erläutert Vizeluftmarschall Stuart Atha.
Während am Himmel also viel Bewegung herrscht, könnten die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen am Boden - auf dem wichtigsten Londoner Flughafen Heathrow - einiges ins Stocken bringen. Schon jetzt herrscht Chaos am größten Flughafen Europas mit seinen 69 Millionen Passagieren pro Jahr. In den vergangenen Wochen mussten Tausende frustrierte Reisende aus Nicht-EU-Ländern nach langen Flügen weitere zwei bis drei Stunden vor der Passkontrolle warten. Über Twitter und Facebook verbreiteten sich Bilder von ankommenden Passagieren, die sich die Wartezeit mit einem Nickerchen vertrieben.
Großbritanniens Ruf im Ausland werde ruiniert, schimpfte Londons Bürgermeister Boris Johnson und brachte damit seine konservativen Parteifreunde und Premier David Cameron unter Druck.
Die wahrhaft olympischen Warteschlangen gehen nämlich auf eine Entscheidung der Innenministerin Theresa May zurück. Sie geriert sich als Sheriff gegen Immigranten und Terroristen, um dem schwer angeschlagenen Regierungschef den Rücken gegen parteiinterne Kritiker von rechts freizuhalten.
Als konservative Boulevardzeitungen im vergangenen Sommer entdeckten, dass Passagiere in Heathrow nach Augenschein durchgewunken wurden, zwang May den Leiter der Grenzkontrollbehörde zum Rücktritt. Seither wird das Reisedokument jedes Reisenden penibel geprüft, egal ob es sich um junge Familien auf dem Rückflug aus Disneyland in Florida handelt oder um bärtige junge Männer, die aus Somalia oder Pakistan zurückkehren.
Weil die Grenzer wegen der allgemeinen Sparpolitik der Regierung gleichzeitig noch Hunderte von Mitarbeitern entlassen, ist das olympische Chaos vorprogrammiert. An 23 von 30 Tagen verfehlten die Passkontrolleure im vergangenen Monat das Ziel, sämtliche Passagiere binnen 45 Minuten abzufertigen. Auch EU-Bürger mussten oft länger als die angestrebte Höchstzeit von 25 Minuten warten. Am Dienstag nahm Cameron am Rande der Kabinettssitzung deshalb die Innenministerin zur Seite. Wenig später teilte deren Staatssekretär mit: "Das Problem ist, dass Leute zu lang warten müssen." Die Londoner hoffen nun, dass den klaren Worten auch Taten folgen - nicht zuletzt mit Blick auf Olympia.
Spaßvögel wie der frühere Labour-Regierungssprecher Alastair Campbell witzeln bereits, die Athleten und Schiedsrichter sollten sich "am besten schon mal auf den Weg machen", kurz vor den Spielen im Juli könne die Einreise nicht garantiert werden. Staatssekretär Green hingegen hat für die Zeit des größten Andrangs 550 Freiwillige zusammengetrommelt, die die regulären Grenzbeamten entlasten sollen. Darunter sind erfahrene Mitarbeiter, die gerade aus Spargründen in die Frühpension geschickt wurden.
Auch das britische Militär soll eigentlich sparen, nutzt die Olympiade aber zur Demonstration seiner Hardware. Auf der Themse geht in wenigen Wochen der Hubschrauberträger "HMS Ocean" vor Anker, in öffentlichen Parks im Südosten der Hauptstadt werden mobile Radar- und Raketeneinheiten stationiert. Anwohner des Olympiaparks bekommen womöglich aus der Nähe die neuen Rapier-Flugkörper zu sehen: Die Militärs haben angekündigt, auf den Dächern von Wohnhäusern Boden-Luft-Raketen stationieren zu wollen.
Insgesamt sollen 13.500 Soldaten die Sportveranstaltungen sichern - das sind mehr, als in Afghanistan stationiert sind. So viel militärische Bereitschaft bei den Olympischen Spielen zu demonstrieren, sei für eine Demokratie "doch eher ungewöhnlich", findet der Sporthistoriker Martin Polley von der Universität Southampton. "Das könnte Besucher abschrecken", warnt er. Das wiederum könnte das Problem mit den Warteschlangen am Flughafen Heathrow lösen.
| Olympia in Zahlen |
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| Acht Millionen Eintrittskarten für mehr als 300 Sportveranstaltungen sind im Umlauf. Vier Millionen davon stehen noch zum Verkauf. Laut einer Studie der Beratungsfirma Oxford Economics werden 5,5 Millionen Tagesbesucher während der Spiele erwartet. London stellt sich zudem auf 450.000 zusätzliche Übernachtungsgäste ein. |
| 10500 Athleten aus 205 Ländern reisen zu den Sommerspielen an. In 39 Disziplinen ringen sie um Medaillen. An den Paralympics nehmen weitere 4200 Sportler teil. |