In diesen Tagen kann sich Polen wieder einmal im Licht des eigenen Erfolgs sonnen: Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao ist in Warschau, als erster Pekinger Regierungschef seit über 20 Jahren - und er ist des Lobes voll über das Gastland. Inmitten eines Meeres von Krisenstaaten, so Wen, sei es Polen gelungen, "Stabilität und Wachstum zu bewahren".
Tatsächlich ist die Bilanz des Landes beachtlich: Während Südeuropa in der Rezession versinkt und selbst die Kernländer der Euro-Zone in Schwierigkeiten geraten, bricht Polen seit Jahren Rekorde: einziges EU-Land ohne Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Krise, beste Wachstumsbilanz aller OECD-Staaten in den vergangenen fünf Jahren, Konjunkturlokomotive in der Region. Um über vier Prozent dürfte das polnische BIP in den kommenden beiden Jahren zunehmen, fast dreimal so stark wie der Durchschnitt der EU.
Wer aber in Polen nach den Gründen für den Erfolg fragt, bekommt nur vage Antworten. Von einer traditionellen "Energie und Unternehmermentalität" schwärmt Polens Regionalministerin Elzbieta Bienkowska.
Das Problem: Die gängigen Kriterien für reformfreudige Volkswirtschaften erfüllt Polen kaum. Die OECD-Ökonomen bemängeln seit Jahren den unflexiblen Arbeitsmarkt und bürokratische Hürden. Im Ease-of-Doing-Business-Index der Weltbank - der misst, wie leicht Unternehmern ihre Arbeit in einem Land gemacht wird - belegt Polen den 62. Platz, hinter Ruanda, Kasachstan oder Kolumbien. In der Rangliste der Wettbewerbsfähigkeit des Weltwirtschaftsforums sieht es ähnlich aus, Polen ist in diesem Vergleich im vergangenen Jahr sogar zurückgefallen.
Als größte Hürde aber gilt stets die Transportinfrastruktur des Landes. Anders als Tschechien oder Ungarn hat es Polen trotz zahlreicher Versuche in den vergangenen Jahren nicht geschafft, die Wirtschaftszentren des Landes mit Autobahnen zu verbinden. Erst vor der Fußballeuropameisterschaft in diesem Sommer gewannen die Bauprojekte an Fahrt, doch bis zum Beginn des Turniers wird es eng. Von einem "massiven Investitionsmangel" spricht die OECD auch beim Ausbau der Eisenbahnen.
Woher also kommt das Wirtschaftswunder? Stanislaw Gomulka, Chefökonom des Warschauer Unternehmerverbands Business Centre Club, sieht in Polens Aufschwung "ein großes Element des Glücks". Noch bevor die Wirtschafts- und Finanzkrise Europa erreichte, hatte Polen auf eine expansive Fiskalpolitik gesetzt. Diese eher zufällig antizyklische Politik erhielt dann die Binnennachfrage stabil, als es ernst wurde. Anders als die offizielle Rhetorik der Regierung vermuten ließe, war das Land in der Vergangenheit nämlich in Haushaltsfragen alles andere als strikt. Erst jetzt beginnt man in Warschau allmählich mit ernsthaften Sparbemühungen.
Leon Podkaminer, Polen-Experte beim Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) glaubt zudem, dass viele der Reformvorschläge ausländischer Ökonomen an der polnischen Realität vorbeigehen. "De facto ist der polnische Arbeitsmarkt schon sehr stark dereguliert", sagt Podkaminer. "Auf dem Papier gibt es Regularien, aber in Wahrheit machen viele Unternehmen, was sie wollen." Podkaminer glaubt auch für die kommenden Jahre an ein starkes Wachstum, obgleich er fürchtet, dass der Zwang, den Haushalt zu konsolidieren, den Aufschwung bremst.
Aus Sicht Gomulkas ist Polens Boom ohnehin noch viel zu lau. "Man muss unser Land nicht mit Westeuropa, sondern mit Indien oder China vergleichen, und da sind wir eher schwach", sagt er. Eine Erkenntnis, der der chinesische Besucher Wen vermutlich zustimmen würde.