Kairo schläft nie. Schlangen vor populären Fast-Food-Häusern um Mitternacht, Verkehrsstaus oder Shoppingtouren der Familie um zwei Uhr nachts gehören in der 18-Millionen-Metropole zum alltäglichen Bild. Erst kürzlich wurde die ägyptische Hauptstadt auf der Internetplattform Badoo weltweit zur lebhaftesten 24-Stunden-Metropole gewählt. Doch damit soll jetzt Schluss sein. Die Regierung von Hischam Kandil hat verfügt, dass die Läden ab Dezember um Mitternacht und die Restaurants um zwei Uhr morgens schließen müssen. Ausnahmen gibt es nur für Touristenregionen und -geschäfte.
Als Begründung führt die Regierung an, Strom und damit auch Subventionen sparen zu wollen. Ägypten verbraucht derzeit mehr Strom, als es produziert. Schon in den Sommermonaten kam es regelmäßig zu längeren Stromausfällen, auch in den vornehmeren Quartieren Kairos. Die Verbrauchsspitze liegt aber am Abend: zwischen acht und zehn Uhr. Die Logik der Regierung ist für die Verbraucher deshalb schwer nachvollziehbar. Kandil hat kürzlich im Interview den Beschluss als Teil eines Pakets dargestellt, das zu einer zeitgemäßen Kontrolle der Straße führen soll - etwa auch durch geordnete Reinigung und Abfallbeseitigung.
Warum er diese Idee für Unsinn hält, dafür hat Hani Hamudi in seinem Souvenirgeschäft am Rande des Tahrir-Platzes gleich eine ellenlange Liste von Gründen. Eingeschränkte Öffnungszeiten laufe den Gewohnheiten der Ägypter in einem Land mit vielen heißen Monaten zuwider. Das soziale Leben spiele sich nun einmal vor allem nachts ab. "Viele haben kleine Wohnungen und brauchen die Stadt als Treffpunkt", sagt er. "Wenn man die Menschen zu Hause einsperrt, gibt es noch mehr Kinder und noch mehr Streit zwischen Eheleuten", so der Ladenbesitzer. Dunkle Straßen seien ein zusätzliches Sicherheitsrisiko, merken vor allem Frauen an.
Schwer wiegt auch das Argument, die eingeschränkten Öffnungszeiten und die Sperrstunde könnten die Arbeitslosigkeit, die nach der Revolution bereits auf historische 12,6 Prozent geklettert ist, noch erhöhen und die Wirtschaftskrise verschärfen. Geschäfte, die rund um die Uhr geöffnet sind, würden nur noch in zwei statt drei Schichten arbeiten und somit weniger Personal beschäftigen.
Auch Hamoudi hat bereits 18 seiner einst 20 Angestellten entlassen müssen. Allerdings wegen der Flaute im Tourismus. Nun droht noch mehr Gefahr. Denn gerade jene Besucher, die noch aus den arabischen Ländern kommen, machten gern die Nacht zum Tag. "Den Menschen geht es immer schlechter, in einigen Monaten werden sie hungern." Was der Händler über die Pläne weiß, hat er aus den Medien erfahren. Eine offizielle Benachrichtigung, wie er sich zu verhalten hat, erhielt er noch nicht. Auch die amtliche Gazette hat noch nichts publiziert. So hofft Hamudi, dass das Projekt das Schicksal früherer Versuche zur Ladenschlussregelung erleidet. Das heißt, dass sie von den Behörden nicht durchgesetzt werden konnten und einfach versandeten.
Die Vereinigung der Handelskammern lehnt den Regierungsentscheid ab. Sie verlangt Diskussionen mit den Betroffenen und sozial verträgliche Lösungen. Die zuständigen Minister sehen sich bereits Klagen von Händlern wegen Geschäftsschädigung gegenüber. Doch die Regierung scheint diesmal Ernst zu machen. Sie hat ja schon ein wenig nachgegeben. Denn ursprünglich sollte die Sperrstunde noch zwei Stunden früher einsetzen.