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Merken   Drucken   29.06.2004, 19:10 Schriftgröße: AAA

Agenda: Alles im Fluss in Kaschmir

Der Konflikt um Kaschmir hat Indien und Pakistan an den Rand eines nuklearen Krieges getrieben. Keiner der Besatzer des Gebirgslandes weicht auch nur einen Schritt zurück. Die Situation ist verfahren, doch jetzt beginnen Friedensgespräche. von Andrzej Rybak, Srinagar
Das besetzte Kaschmir   Das besetzte Kaschmir
Apathisch sitzt sie in einer Bretterbude am Fluss Jhelum in Srinagar, wo es nach Verwesung und Unrat stinkt. Ein kleines Kind zupft an ihrem Sari, der vom vielen Waschen seine bunten Farben verloren hat. Ihr ganzer Besitz sind einige Stofffetzen, mit denen sie ihre Tochter in kalten Nächten zudeckt. "Sie nennen mich Hure", sagt sie, "weil ich keinen Mann habe."
Früher lebte Rubeena in einem Dorf in der Nähe von Kaschmirs Hauptstadt. Ihre Eltern hatten einen guten Ehemann für sie ausgesucht, der sich um sie kümmerte und sie liebte. Dann kamen indische Soldaten. Sie umzingelten das Dorf, durchsuchten jedes Haus nach Waffen und Wertsachen. Die Männer wurden auf die Straße getrieben, Frauen und Kinder durften ihre Häuser nicht verlassen. Als die Soldaten abzogen, nahmen sie ihren Mann mit. Rubeena hat nie wieder von ihm gehört.
Monatelang suchte sie nach ihm, klopfte an jeder Gefängnistür in Kaschmir, bekniete Polizeikommandeure und harrte Tage vor Armeekasernen aus, wurde barsch abgewiesen. Niemand wollte ihren Mann je gesehen und schon gar nicht festgenommen haben. Inzwischen hat sie jede Hoffnung verloren. Leise sagt sie: "Ich glaube, man hat ihn umgebracht."
Verbrannte Erde seit 57 Jahren
Rubeenas Mann ist einer von mehr als 8000 Kaschmiris, die in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten spurlos verschwunden sind. Etwa 80.000 Menschen sind in diesem Zeitraum ums Leben gekommen, weil sich Pakistan und Indien um die Herrschaft in dem Gebirgstal streiten. Die Truppen liefern sich Grenzduelle, bei denen ganze Dörfer in Schutt und Asche gelegt werden. Islamisten morden indische Soldaten und Zivilisten, um den Anschluss des Gebiets an Pakistan zu erreichen. Die indische Armee antwortet mit Razzien, bei denen unschuldige Menschen erschossen und festgenommen, Häuser in Brand gesetzt und Frauen vergewaltigt werden. So geht das hin und her, seit 57 Jahren.
Seit einem halben Jahr ist Ruhe. Waffenruhe, vereinbart von den Regierungen in Delhi und Islamabad. Kürzlich haben sich die außenpolitischen Staatssekretäre beider Staaten getroffen, zu Friedensgesprächen. Besser gesagt, zu Friedensvorgesprächen. "Wir wollen die richtige Atmosphäre schaffen für langfristige Gespräche", sagt ein indischer Offizieller. Eines der wenigen konkreten Projekte, die zur Sprache gekommen sind, ist der Aufbau einer Buslinie zwischen Srinagar und Muzaffarabad auf pakistanischer Seite.
Mehr als solche kleinen, eher symbolischen Schritte scheinen nicht möglich. "Auf beiden Seiten ist die Erkenntnis da, dass das Kaschmir-Problem mit Waffen nicht zu lösen sei", sagt Suba Chandran, Vizedirektor des Instituts für Friedens- und Konfliktstudien (IPCR) in Delhi. "Doch es gibt kaum Raum für einen richtigen Kompromiss." Pakistan versteht sich als Schutzmacht und Heimat aller Muslime auf dem indischen Subkontinent - und damit auch der mehrheitlich muslimischen Kaschmiris. Bharat Karnad vom Zentrum für Politische Studien in Delhi sagt: "Für Pakistan ist Kaschmir ein Fall von Staatsräson."
Kaschmiris werden ignoriert
Wenn etwa Maulana Abbas Ansari, ein gemäßigter Führer der Oppositionsbewegung Hurriyet in Srinagar, eine Beteiligung der Kaschmiris an den Friedensgesprächen fordert, wird er von beiden Seiten ignoriert. Denn es geht bei den pakistanisch-indischen Verhandlungen um die ganz große Politik, um den Verzicht auf nukleare Tests und um die verbesserte Sicherheit von nuklearen Anlagen gegen Terroranschläge.
Die Welt klatscht Beifall, doch das Leben der Kaschmiris ändert sich dadurch nicht. Rund 700.000 indische Soldaten sind in Kaschmir stationiert: ein Soldat für 17 Kaschmiris. Nirgends auf der Welt ist die Truppenkonzentration größer als in dem Tal am Rande des Himalaja. In Srinagar verschanzen sich die Soldaten in provisorischen Unterständen hinter Sandsäcken und Stacheldraht. Zu Hunderten patrouillieren sie in den Straßen, suchen nach Minen, halten Autos an und tasten Passanten ab. "Ich bin ein rechtschaffener Bürger dieser Stadt, wie lange muss ich noch diese Schikanen über mich ergehen lassen?", fragt ein Ladenbesitzer.
So lange, wie jeder verdächtigt wird, ein Feind der indischen Besatzer zu sein. "Die Militanten sind überall", sagt ein alter Mann. Sie hätten die Taktik geändert und bekämpfen die indische Armee nicht mehr offen. "Sie greifen aus dem Hinterhalt an und tauchen unter." 3000 solcher Guerilleros soll es geben.
Hochspannungszaun soll Moslems abschrecken
Um die Infiltration des indischen Kaschmir zu verhindern, errichteten die Inder in den vergangenen zwei Jahren entlang der Waffenstillstandslinie einen vier Meter hohen und über 500 Kilometer langen Hochspannungszaun, der mit Stacheldraht abgesichert ist. Wird die Nachtbeleuchtung eingeschaltet, schlängelt er sich wie eine unendliche Feuerschlange durch Berge und Täler.
Die "neue Berliner Mauer", wie sie von den Kaschmiris genannt wird, ist ein Grund für die Skepsis in den Grenzdörfern. Obwohl seit sieben Monaten die Waffen schweigen, reparieren nur wenige ihre zerbombten Häuser. "Beide Seiten haben uns immer betrogen", sagt Bürgermeister Kursheed Ahmad in Silikote. "Einige Leute mussten ihre Häuser aufgeben, weil sie dem Zaun im Weg standen."
Kurz hinter Silikote, auf der anderen Seite des Zauns, sind die pakistanischen Stellungen deutlich zu sehen. Bei den letzten Kämpfen wurden vier Dorfbewohner getötet und mehrere verletzt, darunter der junge Urschad. Ein Geschoss explodierte vor seinem Haus, mehrere Splitter zerschmetterten sein rechtes Bein, das amputiert werden musste. Während er im Krankenhaus um sein Leben kämpfte, wurde seine Mutter von einer pakistanischen Mörsergranate getötet.
Hoffnung auf die Zukunft
Hass empfindet Urschad dennoch nicht. Er hilft seinem Onkel, der in der benachbarten Kleinstadt Uri einen Laden besitzt. Er hofft, eines Tages genug Geld gesparrt zu haben, um sich eine Prothese leisten zu können. "Der Staat hat den armen Leuten nie geholfen", klagt Urschad. "Für die zerstörten Häuser wurde auch niemand entschädigt."
Nicht dass irgendjemand ernsthaft damit gerechnet hätte. Aber auf andere Gesten wird in Uri schon gehofft, etwa auf offenere Grenzen. "Natürlich würden wir es begrüßen, wenn die Straße nach Pakistan geöffnet würde und wir unsere Angehörigen treffen könnten", sagt Mohammad Jabal Chalkoo. Sein Textilienladen liegt an der staubigen Hauptstraße, die direkt nach Pakistan führt.
Menschen wie Chalkoo wollen nur eines: dass endlich Frieden einzieht. Die Sympathie der Kaschmiris für die Gotteskämpfer hat nachgelassen, denn diese gehen ebenso brutal gegen die Zivilisten vor wie die indische Armee. "Wenn wir die Rebellen unterstützen, werden wir von der indischen Armee umgebracht, wenn wir uns mit den Indern arrangieren, werden wir als Verräter von den Militanten gejagt", klagt der Student Ashur in der Provinzstadt Baramulla. Die jungen Leute glauben zunehmend, dass Kaschmir mehr Autonomie und bessere Lebensbedingungen in der indischen Demokratie als unter der pakistanischen Militärdiktatur erreichen könnte. Aber "solange die indischen Okkupanten uns wie Dreck behandeln, werden viele die Gotteskrieger unterstützen".
Indien sollte den Leuten in Kaschmir ein Zeichen des Entgegenkommens geben, sagt Jusuf Jameel, ein angesehener Publizist in Srinagar. Die Öffnung der Grenze, freier Handel und Reiseverkehr, erweiterte Autonomierechte und Teilabzug der Truppen würden den meisten Leuten in Kaschmir ausreichen, um die Frage der Souveränität nicht weiter zu verfolgen. Jameel zeigt sich optimistisch: "Die Zeit dafür wird kommen."
Kaschmir
Atomare Drohungen Das für seine landschaftliche Schönheit und die feinste Wolle der Welt berühmte Tal von Kaschmir gab den Anstoß für drei Kriege, die Indien und Pakistan bisher ausgefochten haben. Kurz nach der Gründung Pakistans 1947 marschierten muslimische Kampfgruppen in das formal unabhängige Kaschmir ein. Der herrschende Hindu-Maharadscha rief Indien um Hilfe, das nach einem Jahr Krieg etwa zwei Drittel von Kaschmir besetzte. Seitdem tritt Pakistan als Beschützer der Muslime in Kaschmir auf und unterstützt die militanten Gruppen, die mit Terror gegen die Inder vorgehen. Die Waffenstillstandslinie als internationale Grenze anzuerkennen, wie es die Regierung in Delhi fordert, ist für Pakistan unannehmbar: Das würde die Teilung von Kaschmir zementieren.
In einer Resolution von 1948 forderte die Uno ein Referendum, in dem die Kaschmiris allein über den Status ihres Landes entscheiden sollten. Doch weder Pakistan noch Indien sind bereit, Teile des besetzten Gebietes abzugeben. Sie lehnen die Unabhängigkeit von Kaschmir, von der Mehrheit der Bevölkerung bevorzugt, ab.
Nach massiven Wahlfälschungen durch die indische Regierung eskalierte 1989 der Kaschmir-Konflikt. Um den Wahlsieg in ihrem Bundesland betrogen, griffen viele Kaschmiris zu den Waffen. Unterstützt wurden sie von ausländischen Glaubenskriegern (Mudschaheddin), die gerade die Russen aus Afghanistan vertrieben hatten und nach einem neuen Feind suchten. Die Islamisten erhielten finanzielle und militärische Hilfe von Pakistan. Die indische Armee schlug brutal zurück. Menschenrechtsaktivisten berechnen, dass der Konflikt seitdem mehr als 80.000 Menschen das Leben gekostet hat.
Bei den Muskelspielen um Kaschmir drohen die asiatischen Nuklearmächte ungeniert mit ihren Atomarsenalen. Nach dem Anschlag pakistanischer Terroristen auf das Parlament in Delhi im Dezember 2001 versetzte Indien seine Truppen in Alarmbereitschaft und forderte Islamabad ultimativ auf, die Unterstützung der militanten Gruppen einzustellen. Raketen wurden dann doch nicht abgefeuert, aber die Artillerieduelle an der alten Waffenstillstandsgrenze dauerten zwei Jahre.
  • FTD, 29.06.2004
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