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Merken   Drucken   05.03.2007, 19:10 Schriftgröße: AAA

Agenda: Alles ist durchleuchtet

Sie röntgen Container im Hamburger Hafen und inspizieren deutsche Konzerne: Im Kampf gegen Terror arbeiten inzwischen zahlreiche US-Zöllner auf deutschem Boden. Den Firmen entstehen durch die peniblen Sicherheitsvorschriften Milliardenkosten. von Claudia Wanner und Claus Hecking (Hamburg)
Container-Terminal der HHLA am Hamburger Burchardkai   Container-Terminal der HHLA am Hamburger Burchardkai
Und sie sind doch da. Mitten im Hamburger Hafen. Auch wenn nur hinter vorgehaltener Hand über sie gesprochen wird. Auch wenn Hafenverwaltung, der Terminalbetreiber HHLA, die Oberfinanzdirektion Hamburg und das Bundesfinanzministerium am liebsten auf den jeweils anderen verweisen. Und Fragestellern geraten wird, über dieses "sensible Thema lieber nicht" zu berichten: über die US-Zöllner, die in Hamburg gegen den Terror kämpfen. Seit 2003, ganz offiziell, im Rahmen der sogenannten Container Security Initiative. Und doch in aller Stille. Bloß keine Aufregung.
6000 Kilometer vor der Heimatküste suchen die Beamten in Schiffen, die Richtung USA fahren sollen, nach Bomben, spaltbarem Material oder Massenvernichtungswaffen. 24 Stunden vor Beladung müssen ihnen die Reedereien die Ladungsdaten schicken. Erscheinen diese verdächtig, gehen die Zöllner zu ihren deutschen Kollegen und lassen den Container gemeinsam über eine 18 Mio. Euro teure Großröntgenanlage laufen, in die ganze Sattelzüge passen. Reicht das nicht, wird der Metallkasten geöffnet. Im Zweifel können die Amerikaner die Sendung zurückweisen.
So ungewöhnlich US-Zollkontrollen auf deutschem Hoheitsgebiet erscheinen - sie sind nur der Auftakt zu einem rigiden Überwachungsprogramm, wie es der internationale Güterverkehr noch nie erlebt hat.
Es sind drei Zeichen, vor denen sich die Industrie fürchtet: "H.R.1". Im Januar hat das Washingtoner Repräsentantenhaus einen Entwurf mit diesem Kürzel verabschiedet - die erste Initiative des neu gewählten Kongresses. Passiert der Entwurf den Senat, wird der US-Zoll ab 2009 jeden einzelnen der gut elf Millionen Container durchleuchten, die das Land jährlich erreichen. Bisher sind es knapp zehn Prozent.
"Die Attacken des 11. September haben die Amerikaner traumatisiert", sagt Rolf Tophoven, Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik. "Ihre Angst vor dem maritimen Terror ist enorm." Ein Anschlag auf einen Großhafen wie New Orleans oder Los Angeles könnte viele Tote fordern und die Versorgung der Nation gefährden - so zumindest lauten die Horrorszenarien. Daher verschärfen die USA ihre Kontrollen im Frachtverkehr. Ein Sicherheitsboom ohne Ende: Alle paar Monate kommen Politiker, Zollbehörden oder das nach dem 11. September 2001 gegründete, 184.000 Mann starke Department of Homeland Security mit neuen Initiativen.
H.R.1 macht alles noch teurer
Die Kosten der Unternehmen, der Versender und Empfänger, explodieren derweil. Nach Schätzungen des Außenhandelsverbands BGA muss der Welthandel für die Terrorabwehr im Frachtverkehr schon jetzt mehr als 100 Mrd. Euro pro Jahr aufwenden. "Die Sicherheitsregeln haben unser Geschäft in den letzten Jahren deutlich verändert", sagt John Mullen, Chef des interkontinentalen Expressgeschäfts der Deutschen Post. "Am Ende muss der Kunde dafür zahlen."
Mit H.R.1 wird es noch teurer. Allein die Schätzungen für die Durchleuchtungstechnik gehen in den zweistelligen Milliardenbereich. Und die Kosten für die Verzögerung der Transporte liegen ein Vielfaches darüber. "Der Wert unseres Geschäfts ist die Geschwindigkeit", sagt Brandon Fried, Geschäftsführer der US-Luftfrachtindustrievereinigung Airforwarders Association. "Die größte Bedrohung für uns ist, wenn sich Abläufe verzögern." Denn wieso sollte der Kunde saftige Aufpreise für ein Expresspaket zahlen, wenn nicht mehr sicher ist, dass es rechtzeitig ankommt?
"Unsere Welt hat sich verändert", sagt Alfred Manke, Leiter des Seefrachtgeschäfts beim Großspediteur Kühne + Nagel. Wurde früher ein Container Freitagmorgens beim Kunden bereitgestellt, war er oft schon Samstag früh auf dem Schiff in Richtung New York. "Das ist heute unmöglich", sagt Manke. Für die Anmeldung beim US-Zoll in Hamburg oder Bremerhaven müssten schon jetzt zwei bis drei Tage eingeplant werden. "Wenn künftig jede Sendung vorher geröntgt werden soll, geht einer der großen Vorteile mittelständischer deutscher Unternehmen verloren: das schnelle Reagieren auf Kundenwünsche", fürchtet Friedrich Wagner vom Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA).

Lesen Sie weiter: Auch deutsche Exporteure müssen sich dem System unterwerfen

  • Aus der FTD vom 06.03.2007
    © 2007 Financial Times Deutschland,
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