Symbolische KreuzigungNach dem Koran wurde die Kreuzigung Jesu - den die Muslime als Propheten verehren - in letzter Minute verhindert. Dennoch verwenden muslimische ebenso wie säkulare arabische Autoren und Künstler die Kreuzigungssymbolik. Die staatliche syrische Tageszeitung "Al-Tishreen" ließ in einer Karikatur einen ultraorthodoxen Juden der Menschheit den Weg ans Kreuz weisen. Die Kreuzigung als Symbol für das von Juden verursachte Leid hat sich da längst vom christlichen Kontext gelöst.
Angesichts des gemeinsamen Feindbilds treten ideologische Differenzen zurück. Neuen Zulauf findet etwa Antun Saadas, Parteigründer der syrischen Sozialnationalistischen Partei, der bereits in den 20er und 30er Jahren den Antagonismus zwischen Muslimen und Christen auf der einen, den Juden auf der anderen Seite hervorhob. "Wir alle glauben an den einen Gott. Es gibt jene, die ihn mit den Evangelien verehren. Es gibt jene, die ihn mit dem Koran verehren, und es gibt jene, die ihn in der Philosophie verehren", wird Saadas zitiert. "Wir alle haben keinen anderen Feind, der unsere Religion und unsere Heimat bekämpft, als den Juden."
Aus der jahrhundertealten Geschichte des Zusammenlebens zwischen Juden und Muslimen unter islamischer Herrschaft lassen sich aktuelle Formen des Judenhasses nicht erklären, sagt die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer von der Freien Universität Berlin. Ihr Düsseldorfer Fachkollege Michael Kiefer hat stattdessen viele antisemitische Stereotypen ausgemacht, die aus dem europäischen, insbesondere aus dem deutschen Kontext stammen.
Vor allem in Frankreich und Belgien bedienen sich Islamisten nach Beobachtungen von Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung zunehmend antisemitischer Vorurteile. Auch unter türkischen Migranten - der größten Gruppe in Deutschland - wachse eine antijüdischen Stimmung. Türkische Zeitungen, die auch in Deutschland verkauft werden, schürten systematisch Judenhass und Hetze gegen Israel.
Antisemitische Tendenzen, so der türkische Publizist Rifat Bali, seien besonders seit den Anschlägen im vergangenen November in Istanbul unübersehbar: "Nur ein, zwei Zeitungskommentatoren protestierten, als der Sohn einer der Attentäter auf die Frage, ob er Freude über die antijüdischen Anschläge verspürt hätte, antwortete: Ich war zufrieden. Wenn dabei keine Muslime gestorben wären, hätte ich mich gefreut."