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Merken   Drucken   27.04.2004, 20:16 Schriftgröße: AAA

Agenda: Aufgeheizte Stimmung um Antisemitismus

Unter muslimischen Migranten in Europa wächst mit dem anhaltenden Nahostkonflikt der Antisemitismus. Er entlädt sich zunehmend in Übergriffen gegen Juden. Politik und Bildungseinrichtungen fehlen Konzepte im Kampf gegen diese neue Welle der Aggression. von Silke Mertins, Berlin,und Götz Nordbruch, Beirut
Theodor Herzl läuft eilig zur Tür. Vor ihm steht ein uniformierter Mann mit quadratischem Oberlippenbart. "Hitler, mein Freund!", ruft Herzl. Der Diktator hat mit dem Begründer des Zionismus einiges zu besprechen. Hitler will Juden umbringen, Herzl braucht eine Schockwelle, damit es zum Exodus ins Heilige Land kommt. Deswegen muss Hitler geholfen werden: "Selbst wenn die Zahl der Opfer hoch ist, wird uns das nützen, wir werden die Verfolgung noch Jahrhunderte ausnutzen können", sagt ein Spross der wohlhabenden jüdischen Rothschild-Familie. Die Nazis könnten gerne 800.000 ungarische Juden haben, wenn "die reichsten und besten" Juden aus Deutschland nach Palästina kämen.
Die jüdische Verschwörung mit den Nazis ist keineswegs der kranken Fantasie eines verwirrten Rechtsextremen entsprungen, der seine Geschichten auf irgendeiner Internetseite verbreitet. Die Szenen stammen aus einer 26-teiligen Serie, die vom syrischen Fernsehen produziert und vom libanesischen Hisbollah-Sender al-Manar per Satellit in alle Welt ausgestrahlt wird - auch in die Wohnzimmer Hunderttausender muslimischer Migranten in Europa.
Programme arabischer Satellitensender, in denen Juden verunglimpft werden, treffen auf eine aufgeheizte Stimmung in Teilen der muslimischen Migrantengemeinschaft. Der anhaltende Nahostkonflikt, die Berichterstattung der arabischen Nachrichtensender al-Dschasira und al-Arabia, die oftmals die Gewalttaten des wieder aufgeflammten Nahostkonflikts bis ins Detail dokumentieren, schüren die Emotionen - es wächst die Wut auf alles Jüdische, die sich immer öfter in gewalttätigen Aktionen entlädt.
Besorgte Eltern
In manchen Städten Europas trauen sich jüdische Bürger nicht mehr mit Kippa oder Davidstern auf die Straße, seit Gemeindemitglieder auf dem Weg zur Synagoge verprügelt und Jugendliche auf dem Weg nach Hause überfallen wurden. Von einer Stimmung "wie in den 30er Jahren" ist die Rede. "Wir holen unsere Kinder vorläufig mit den Auto von der Schule ab", sagt eine Mutter zweier Teenager aus der jüdischen Gemeinde Berlins. Sowohl eine Studie des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung als auch eine Untersuchung der Universität Tel Aviv weisen darauf hin, dass Übergriffe gegen Juden in Europa in jüngster Zeit überwiegend von muslimischen Einwanderern begangen werden.
Die Regierungen Westeuropas sind von der Welle der Gewalt überrascht worden. Der sich ausbreitende Antisemitismus unter muslimischen Einwanderern wurde bislang kaum zur Kenntnis genommen. Die am Mittwoch in Berlin beginnende Antisemitismus-Konferenz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) will sich mit diesem Phänomen befassen - allerdings werden die Experten dabei viel spekulieren müssen, gesicherte Erkenntnisse liegen bislang praktisch nicht vor.
"Wir wissen über die Größenordnung des Problems gar nichts", sagt Eberhard Seidel vom Projekt "Schule ohne Rassismus" in Berlin. Es gebe keine Untersuchung und schon gar keine empirische Studie. Das Thema Antisemitismus unter Migranten sei jahrelang verdrängt, warnende Stimmen seien als "rassistisch" abgekanzelt worden. So ist kaum bekannt, welche Medien muslimische Migranten konsumieren, geschweige denn, wie verbreitet antisemitische Einstellungen und Gewaltbereitschaft sind. "Wir müssen dringend einen Überblick bekommen", sagt Seidel.
Schwieriger Unterricht
Deutsche Lehrer haben nur wenig Einblicke in die Gedankenwelt ihrer muslimischen Schüler, wenn es etwa darangeht, im Geschichtsunterricht die Nazi-Zeit zu behandeln. "Bei einer homogenen Schülerschaft war der Unterricht zum Holocaust vergleichsweise einfach", sagt Seidel. Mit den alten Konzepten könne man nun vielerorts nur noch "relativ wenig ausrichten".
Der unterschiedliche kulturell-historische Hintergrund der Migrantenkinder wird in den Geschichtsbüchern völlig ausgeblendet. Lehrer, die in ihren Klassen mit Holocaust-Leugnern oder Verschwörungstheorien konfrontiert werden, die unter muslimischen Schülern kursieren, finden nirgendwo Unterstützung. "Der ganze Bereich steckt in den Kinderschuhen", sagt Barbara Schäuble von der Arbeitsgruppe "Erziehung und Antisemitismus" beim American Jewish Congress in Berlin. "Mit der klassischen Holocaust-Pädagogik kommt man hier nicht weiter."
Anders als die meisten deutschstämmigen Kinder sind vor allem arabische Schüler emotional aufgeladen. Sender wie al-Manar bieten ihnen über Satellit zur besten Sendezeit nicht nur absurde Verschwörungstheorien. In allen grausigen Einzelheiten können die Zuschauer etwa verfolgen, wie der kleine Josef umgebracht wird, weil die jüdische Gemeinde das Blut eines Christenkindes für die Matzen, das ungesäuerte Brot zum Pessach-Fest, braucht. "Ich will nach Hause! Mama! Mama!", schreit Josef. Dann folgt eine Nahaufnahme vom Kehlschnitt, aus dem minutenlang Blut fließt. "Diese Matzen sind reiner und heiliger als alle anderen", heißt es später in der Synagoge.
Rechtsradikales Material
Die syrische Fernsehserie ist keine unrühmliche Ausnahme. Antisemitische Artikel, Bücher oder Karikaturen, die den "Stürmer" wie eine harmlose Kleinstadt-Postille aussehen lassen, sind in der muslimischen Welt in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Geboten wird dabei auch klassisches Material aus der rechtsradikalen Szene Europas.
In den Auslagen des Book-Bazar im Beiruter Stadtteil Hamra etwa wird in englischer, französischer und arabischer Sprache Werbung für die mehrbändigen "Protokolle der Weisen von Zion" gemacht - ein antisemitischer Klassiker. Über ein Dutzend verschiedener Ausgaben finden sich im Angebot. Übersetzungen von Henry Fords "Der internationale Jude" und Adolf Hitlers "Mein Kampf" liegen in den Regalen. Bücher der Holocaust-Leugner Roger Garaudy und David Irving finden sich zwischen gebrauchten englischsprachigen Büchern und Stapeln älterer französischer Modezeitschriften.
Neu ist die Verbrüderung christlicher und muslimischer Araber in ihrer Feindschaft gegen Juden - zuletzt aus Anlass der Vorführung von Mel Gibsons Hollywoodstreifen "Passion Christi". In der ägyptischen Wochenzeitung "Al-Ahram" führte der Literaturwissenschaftler Abd al-Wahab al-Messiri den Erfolg des Films auf die symbolische Bedeutung der Kreuzigung Jesu zurück. Sie werde von Arabern als Verkörperung des Leidens der palästinensischen Bevölkerung wahrgenommen.
Symbolische Kreuzigung
Nach dem Koran wurde die Kreuzigung Jesu - den die Muslime als Propheten verehren - in letzter Minute verhindert. Dennoch verwenden muslimische ebenso wie säkulare arabische Autoren und Künstler die Kreuzigungssymbolik. Die staatliche syrische Tageszeitung "Al-Tishreen" ließ in einer Karikatur einen ultraorthodoxen Juden der Menschheit den Weg ans Kreuz weisen. Die Kreuzigung als Symbol für das von Juden verursachte Leid hat sich da längst vom christlichen Kontext gelöst.
Angesichts des gemeinsamen Feindbilds treten ideologische Differenzen zurück. Neuen Zulauf findet etwa Antun Saadas, Parteigründer der syrischen Sozialnationalistischen Partei, der bereits in den 20er und 30er Jahren den Antagonismus zwischen Muslimen und Christen auf der einen, den Juden auf der anderen Seite hervorhob. "Wir alle glauben an den einen Gott. Es gibt jene, die ihn mit den Evangelien verehren. Es gibt jene, die ihn mit dem Koran verehren, und es gibt jene, die ihn in der Philosophie verehren", wird Saadas zitiert. "Wir alle haben keinen anderen Feind, der unsere Religion und unsere Heimat bekämpft, als den Juden."
Aus der jahrhundertealten Geschichte des Zusammenlebens zwischen Juden und Muslimen unter islamischer Herrschaft lassen sich aktuelle Formen des Judenhasses nicht erklären, sagt die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer von der Freien Universität Berlin. Ihr Düsseldorfer Fachkollege Michael Kiefer hat stattdessen viele antisemitische Stereotypen ausgemacht, die aus dem europäischen, insbesondere aus dem deutschen Kontext stammen.
Vor allem in Frankreich und Belgien bedienen sich Islamisten nach Beobachtungen von Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung zunehmend antisemitischer Vorurteile. Auch unter türkischen Migranten - der größten Gruppe in Deutschland - wachse eine antijüdischen Stimmung. Türkische Zeitungen, die auch in Deutschland verkauft werden, schürten systematisch Judenhass und Hetze gegen Israel.
Antisemitische Tendenzen, so der türkische Publizist Rifat Bali, seien besonders seit den Anschlägen im vergangenen November in Istanbul unübersehbar: "Nur ein, zwei Zeitungskommentatoren protestierten, als der Sohn einer der Attentäter auf die Frage, ob er Freude über die antijüdischen Anschläge verspürt hätte, antwortete: Ich war zufrieden. Wenn dabei keine Muslime gestorben wären, hätte ich mich gefreut."

Passion Christi
Von Götz Nordbruch
Muslime diskutieren die Rolle der Juden im Gibson-FilmAlle meine christlichen und die meisten meiner muslimischen Freunde haben den Film gesehen", sagt Karim, ein junger Verkäufer im christlichen Buchladen Dar al-Said in der Altstadt der syrischen Hauptstadt Damaskus. Viele hätten wie er geweint, als sie sich den Film "Passion Christi" des US-Regisseurs Mel Gibson über die Leidensgeschichte Christi im Cinema al-Sham anschauten. Der Film zeige, wie es damals wirklich war, ist sich Karim sicher.
Ähnlich wie in Syrien wurden auch im Libanon und anderen arabischen Ländern gemeinsame Fahrten ganzer Kirchengemeinden zu Kinovorstellungen organisiert. In den Tagen vor und nach den Osterfeierlichkeiten berichteten Zeitungen täglich von bewegten Reaktionen aus dem Publikum, darunter Christen und Muslime. In der Menschentraube, die am Abend an der früheren "Grünen Linie" zwischen dem christlichen Ostbeirut und dem muslimischen Westbeirut auf die Vorstellung wartet, treffen sich Kopftuch tragende Studentinnen mit ihren christlichen Kommilitonen. Insgesamt 100.000 Kopien des Johannes-Evangeliums, mit dem Bild des dornengekrönten Messias aus Gibsons Film auf dem Umschlag, hat die libanesische Bibelgesellschaft in den Kinos verteilen lassen.
Die rege Debatte, die der Film in der muslimischen Welt ausgelöst hat, beschränkt sich nicht nur auf die cineastischen Qualitäten des Gibson-Werks. Die libanesische Wochenzeitung "Al-Afkar" kritisiert, bei dem Film kämen die Juden zu gut weg. Gibson sei "bemüht, die Vorwürfe gegen die Juden abzuschwächen, indem er die römischen Soldaten an den Folterungen teilnehmen lässt. Die römischen Soldaten, und nicht die Juden, werden im Film plötzlich zum schlimmsten Übel." Der Regisseur, so heißt es weiter, habe sich für diese Abweichung von der Bibel entschieden, "weil die römischen Soldaten auf dieser Welt keine Nachfahren haben, die heute, wie die Juden, nach dem Blut Gibsons verlangen könnten".
  • FTD, 27.04.2004
    © 2004 Financial Times Deutschland,
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