Es war in einer Mittagspause, als Sarah McDaniel Dyer beschloss, sich nicht weiter ihrem Schicksal hinzugeben. Mit ihrem Sandwich in der Hand saß die junge Frau im vergangenen Spätsommer am Rande des Zuccotti-Parks im New Yorker Finanzviertel und schaute auf das Lager der Protestbewegung Occupy. Der Blick der Assistenzprofessorin blieb am Themenplan hängen. Die diskutierten doch tatsächlich auch über ihr Problem, die Studienkreditschulden. In ihr flackerte Hoffnung auf: Vielleicht gibt es doch noch einen Ausweg?
"Oft habe ich einfach nur Angst", sagt die 26-Jährige. "Was, wenn ich meinen Job verliere?" Dann könnte sie die monatlichen 256 Dollar zur Tilgung ihres Studienkredits nicht mehr zahlen. Für Lebensmittel und Arztbesuche reizt sie ohnehin schon ihre Kreditkarten aus. Sarah bleibt keine andere Möglichkeit: "Die Zinsen sind zwar höher, aber hier kann ich wenigstens mit den Kartenunternehmen verhandeln. Und im Ernstfall Privatinsolvenz anmelden." Studienkreditschulden bleiben. Bis ins Grab.
Es ist nicht neu, dass sich Studenten in den USA verschulden. Zwei Drittel von ihnen, zu durchschnittlich 25.000 Dollar. Neu aber ist, dass viele ihre Kredite nicht zurückzahlen können. Weil die Schulden steigen. Und sie keine Jobs finden. Es ist die Rede von einer verlorenen Generation, die ihr Leben lang Schulden haben wird.
Nach dem Dotcom-Absturz und dem Absturz des Immobilienmarkts droht den USA nun eine dritte große Blase. Seit 1999 sind die Studienkreditschulden explodiert: um 500 Prozent auf 1000 Mrd. Dollar. Das ist mehr, als sich die Amerikaner über ihre Kreditkarten leihen. Der Verband der Anwälte für Privatinsolvenzen (NACBA) warnt vor der "Schuldenbombe". Explodiert sie, wird das ganze Finanzsystem erschüttert. Mit unvorhersehbaren Folgen für die Weltwirtschaft.
Sie fühle sich betrogen, sagt Sarah. Man hat ihr Ratschläge gegeben wie: "Leih dir nicht mehr, als du im ersten Jahr verdienst." Und genau das hat Sarah McDaniel getan: 37.000 Dollar, realistisch für einen Abschluss in Englisch und Verlagswesen. Doch was ihr und ihren Mitstudenten niemand erklärte und was sie sich, ein wenig naiv, nicht selbst sagte: All die teuren Abschlüsse sind keine Garantie mehr auf einen Job. Und kriegt man einen, so kann man den Kredit trotzdem kaum zurückzahlen, denn das Gehalt ist gering und steigt langsam. Kurz: Was für ihre Eltern galt, gilt für sie schon lange nicht mehr.
Und so wird Sarah, die sogar einen Job fand, mit 30.000 Dollar Gehalt im Jahr, ihre Schulden nicht los. Seit 2008 hat sie 12.000 Dollar abgezahlt. Doch wegen der damals üblichen Zinsen von sieben Prozent steht ihre Schuld noch bei 35.000 Dollar. Sarah teilt sich mit ihrem Ehemann ein Zimmer am nördlichen Ende New Yorks. Ein Raum: zum Wohnen, Schlafen und Arbeiten. "Wir hätten schon gern ein Haus", sagt sie. Ein Wunsch für die Ewigkeit. "Und Kinder könnten wir uns auf keinen Fall leisten."
Schlimmer noch geht es Studenten, deren Banken in der Finanzkrise untergegangen sind. Jonathan Zajdman bekam 2008, am Ende seines ersten Studienjahrs an einer angesehenen Design-Uni, eine E-Mail. Seine Bank sei pleite, er könne nicht mehr auf seinen Studienkredit zugreifen. Einen anderen Kredit bekam er auf dem Höhepunkt der Krise nicht. Er konnte nicht weiterstudieren. "Sie haben mir die zweite Hälfte meiner Ausbildung gestohlen", sagt er. Die Schulden nahm ihm keiner. Sie wurden, mit anderen gebündelt, siebenmal von einem Institut zum nächsten verkauft. Eintreiber telefonierten ihm hinterher, drohten ihm. Heute schlägt sich Zajdman als freischaffender Grafikdesigner durch, zahlt seine Schulden ab und wäre froh, er hätte zu der Minderheit gehört, denen Mami und Papi das teure Studium zahlen können.
Die Studienschulden haben schwere Konsequenzen für die Wirtschaft. "Bei Absolventen mit hohen Krediten verzögern sich lebenszyklische Ereignisse erheblich", sagt Mark Kantrowitz, Experte für Studienförderung. Vor zehn Jahren beriet er zu dem Thema die US-Notenbank. Er warnte. Doch die Fed sah in den Schulden nur ein mikroökonomisches Problem. Kantrowitz lässt auf der Internetseite Finaid.org eine Schuldenuhr laufen: Am 8. Mai durchbrechen die Schulden die 1000-Milliarden-Marke. "Der Zeitpunkt, ein Platzen der Blase zu verhindern, ist jetzt", drängt Kantrowitz. Das Problem spitzt sich zu: "Es wird größer, weil die Absolventen von heute ihre Kinder wegen ihrer Schulden beim Studium nicht werden unterstützen können. Man kann zusehen, wie der Zug in Zeitlupe entgleist."
Die Politik reagiert bisher gar nicht. Oder mit ungeschickten Initiativen. Seit 2009 subventioniert die Regierung Studienkredite deutlich mehr und senkte so die Zinsen. Doch das hat alles verschlimmert. Die Highschoolabsolventen nahmen fröhlich Kredite auf, die viele von ihnen - auch zu niedrigem Zins - nicht tilgen werden können. Etwa 17 Millionen Collegeabsolventen arbeiten in befristeten, schlecht bezahlten Jobs, für die sie ihren Abschluss nicht bräuchten, 7,4 Prozent sind arbeitslos.
Eine Generation lebenslanger Schuldner. Die ihre Eltern infiziert. So haben Sarahs Eltern für sie mit unterschrieben. Wenn ihre Tochter den Zahlungen nicht nachkommen kann, müssen sie einspringen. Dabei sind sie selbst gebeutelt. Weil die Krise die Ersparnisse ihrer Eltern schluckte, muss ihr Vater fünf Jahre länger arbeiten als geplant.
Auch nehmen Eltern selbst mehr Kredite auf, um ihre Kinder durchs College zu bringen. "Sie sehen einer finanziellen Krise entgegen, weil sie sich zu viel Geld für die Collegeausbildung ihrer Kinder leihen", sagt Rick Darvis, der geschäftsführende Direktor des National Institute of Certified College Planners. "Sie berauben sich ihrer Rente."
Profitiert von der Entwicklung hat bisher nur eine Gruppe: die Universitäten. Die scheuten sich auch nicht, die Kreditsubventionen geschickt zu sich umzuleiten, indem sie die Gebühren erhöhten. An der University of California in Berkeley etwa um über 30 Prozent auf 50.000 Dollar.
Es gibt bereits Initiativen, die von einer Hochschulausbildung abraten, etwa Uncollege.org. Für Aufregung sorgte zuletzt auch der Mitgründer von Paypal und Investor von Facebook, Peter Thiel, mit 100.000-Dollar-Stipendien für Studienverweigerer oder -abbrecher. Thiel warnt seit einiger Zeit vor der Schuldenbombe. Wie einst für Internetaktien und Immobilien würden die Menschen heute für Bildung zu viel bezahlen. "Wir können uns eine dritte Blase in diesem Land nicht leisten", sagt er.
Alle Vorzeichen stehen auf negativ, es ist keine Besserung in Sicht. Keine ernsthafte Debatte darüber, wie eine ganze Generation in den Ruin tappt, halb gezwungen, halb aus eigener Schuld. Keine Notpläne gegen die wachsende Blase, die horrende Gesamtschuld, die im Kollaps enden muss, wenn es so weitergeht. Dieser Kollaps wird, wie die letzte Finanzkrise, hässlich werden. Für die ganze Welt.
Immerhin ist das Thema nun im Wahlkampf angekommen. Barack Obama will damit die Mittelschicht erreichen. Die Zinsraten auf Studienkredite sollen niedrig gehalten werden, auch wenn das allein das Problem nicht löst.
Obamas Kalkül: Die junge Wählerschaft, immerhin 20 Prozent, könnte die Wahl für ihn entscheiden. Wie 2008 führt der Präsident in dieser Altersgruppe vor seinem Gegenkandidaten. Allerdings haben Meinungsforscher herausgefunden, dass nur rund die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen überhaupt wählen will. Obama wird sich also in den kommenden Monaten noch weiter anstrengen müssen. Die Zinsrate auf staatliche Studienkredite niedrig zu halten könnte da nur der Anfang sein.
Ein wenig Hoffnung also für Jonathan Zajdman und Sarah McDaniel. Die Assistenzprofessorin kämpft nun selbst bei der Protestbewegung Occupy, in der Splittergruppe "Occupy Student Debt". Sie haben vier Kernforderungen: gebührenfreie Hochschulbildung, zinsfreie Studienkredite, Bilanzoffenheit der privaten Hochschulen - und die sofortige Abschreibung aller Studienkreditschulden.
Dass dies alles auch nur im Ansatz wirklich kommt, damit rechnet sie allerdings nicht. Sarah ist realistisch geworden in ihren Prognosen.