Der Drei-Schluchten-Staudamm am Yangtse
Führung durch die Geisterstadt steht auf dem Programm der Touristengruppen, die ihre Schiffsfahrt auf dem Yangtse in Fengdu unterbrechen. Bei der Ankunft bietet sich tatsächlich ein gespenstisches Bild: In den fensterlosen Hochhausruinen am Nordufer sind Männer in Arbeitskleidung zu sehen - wie in einem Setzkasten. Sie tragen mit bloßen Händen ihre früheren Wohnungen ab, die wertvollen Steine stapeln sie am Rand der Abbruchstelle. Ihre Häuser mussten weichen, weil 450 Kilometer flussabwärts der Drei-Schluchten-Staudamm entsteht. Damit die gestauten Wassermassen Platz haben, werden am Oberlauf des Yangtse ganze Landstriche überflutet.
Die Verbitterung hängt in den grauen Regenwolken, die über den Fluss ziehen. "Wir wohnen jetzt da drüben", sagt ein Mann, der seine Arbeit unterbrochen hat. Seine selbst gebastelte Axt baumelt an einem schwingenden Bambusrohr, eine Zigarette hängt in seinem Mundwinkel. Er zeigt mit dem Arm nach Süden, wo sich im Dunst eine leblose Betonwüste erhebt - die neue Stadt Fengdu für 110.000 Menschen.
"Dort drüben läuft gar nichts", sagt eine Kioskbesitzerin, die am nördlichen Ufer bleiben durfte. Ihre früheren Nachbarn wüssten nicht, wie sie ihr Auskommen bestreiten sollten, erzählt sie. Die Bauern hätten ihre Felder verloren, die Händler ihre Ladenflächen. Und was ist mit den 40.000 Yuan (rund 4200 Euro) Entschädigung, die angeblich jeder Bewohner bekommen hat? "Das ist doch Betrug", schimpft die Geschäftsfrau.
Entschädigungen versickern in korruptem Sumpf
Wer in China umgesiedelt wird, muss sich fühlen wie bei einer Lotterie. Die Gewinner erhalten Geld und eine neue Wohnung obendrein. Bei den Verlierern versickert die Entschädigung auf dem Weg durch die korrupten Institutionen. Die Bürger haben wenig Möglichkeiten, ihre Ansprüche durchzusetzen: Sie haben kein Mitspracherecht. Klagen sind meist aussichtslos, denn es ist schwierig, unabhängige Richter zu finden.
Der Frust darüber entlädt sich immer häufiger in Gewalt und Gegengewalt. Wie im Dorf Dongzhou in der Provinz Guangdong, wo in der vergangenen Woche Bewohner gegen die Enteignung ihres Landes für den Bau von Kraftwerken demonstrierten. Bis zu 20 Menschen wurden nach unbestätigten Angaben von Polizisten erschossen.
Dem kleinen unbekannten Dorf nutzte seine Nähe zu Hongkong. Die Aufmerksamkeit der Hongkonger Medien führte dazu, dass Nachrichten nach draußen drangen, die in China normalerweise Staatsgeheimnis sind. Die Berichte zwangen die Behörden der Provinz Guangdong dazu, das Blutbad in Dongzhou zu bestätigen - wenn sie auch die Zahl der Toten niedriger ansetzten als die Augenzeugen und das Vorgehen der Polizei gegen die angeblich aggressiven Demonstranten verteidigten.